Dreizehntes BuchKUNST ODER LEBEN |
1301 Theresienwiese, Blick über München |
Niemand kann von sich behaupten, er sei ein Kenner dieser Stadt, wenn er das Oktoberfest nicht gesehen hat. Hier wird die Liebe, die man für München empfinden kann, auf eine harte Probe gestellt, denn alle Liebenswürdigkeiten, die sich auf dem »größten Volksfest der Welt« entdecken lassen, werden durch ebenso abstoßende Grobheiten und aggressiven Suff aufgehoben. Das Panorama der Großstadt wird in den Nächten der letzten September- und ersten Oktoberwoche vom Lichterschein der Karussells, der Festzelte und Leuchtreklamen beherrscht. In der Luft schwebt ein Dunstgemisch von Bier, Bratfett und süßen Mandeln. Der Lärm, den Hunderte von Kirmeslautsprechern, Amüsierbetriebe, Blaskapellen und die unübersehbare trunkene Menge erzeugen, liegt wie eine Glocke über der Stadt, so daß niemand, der hier lebt, dieses Fest ignorieren kann. Die U-Bahnen, Bahnhöfe, Zufahrtsstraßen sind verstopft von den Massen, die zum Fest drängen oder einige Stunden später in »ausgelassener Stimmung« von der »Wies'n« zurückkehren. Kaum eine Münchner Firma kann es sich leisten, ihren Angestellten nicht wenigstens einen freien Nachmittag zum Besuch des Volksfestes zu gewähren, und viele Unternehmen stellen ihren Mitarbeitern reservierte Plätze in den Zelten zur Verfügung, in den sogenannten Boxen. Hier darf der betrunkene Angestellte auch einmal den Chef beim Vornamen nennen und mit ihm pinkeln gehen.
Seit zehn Jahren lebt Hermann nun in München, und es ergeht ihm nicht anders als den anderen »Zugereisten«, die von Jahr zu Jahr diesem Massenspektakel weniger Freude abgewinnen können. Oft wird der Besuch der Wies'n auch eine lästige Pflicht, weil man auswärtige Freunde dorthin begleiten muß, weil die Kinder den Schutz der Erwachsenen brauchen oder die Firma eine Betriebsfeier veranstaltet und einer als arrogant gilt, der sich ausschließt.
Hermann ist zu einem Umtrunk der Isarfilm-Belegschaft mit ihrem Chef auf das Oktoberfest gekommen. Herr Groß, der ihn nach getaner Arbeit vom Studio zur Theresienwiese begleitet hat, wollte aber unbedingt noch mit dem Riesenrad fahren, bevor er sich in die Lärmwüste stürzt. Hermann scheut die schwindelerregende Fahrt in Münchens Nachthimmel. Er wartet unten, bis der kleine Herr Groß die Gondel wieder verläßt.
Zwischen den illuminierten Festzelten, Achterbahnen, Sensationsunternehmen und dem Gedränge grölender Menschen geht Hermann durch das unwirkliche Licht des vergehenden Tages. Vor einer Mandelbrennerei bleibt er stehen. Der Duft der süßen Mandeln lockt ihn an. Er kauft sich eine Tüte voll mit den glühendheißen Süßigkeiten.
Hermann sieht sich kauend im bunten Lichtermeer um. Das Krachen der Mandeln zwischen seinen Zähnen übertönt den Festlärm in seinem Kopf.
Er kommt auf die Idee, sich die Ohren zuzuhalten. Nun hört er nur noch seine Kaugeräusche. Die Bilder, die in seine Augen dringen, wirken verändert, weil die Lärmkulisse fehlt.
Herr Groß kommt vom Riesenrad zurück, findet Hermann bei dem Mandelstand.
HERMANN. Sie müssen mal ausprobieren, wie das Oktoberfest auf jemanden wirkt, der taub ist. Nun hält auch Herr Groß sich die Ohren zu. Als Tonmeister versteht er Hermanns Hörexperiment. Auf dem Weg zu dem Festzelt, in dem sie erwartet werden, versuchen sie noch mehrmals, die Bilder von diesem barbarischen Originalton zu trennen, indem sie sich die Ohren fest zuhalten und mit den Augen »Momentaufnahmen« machen. |
1302 Im Festzelt |
Das riesige Festzelt ist brechend voll. In endlosen Reihen sitzen Menschen an Holztischen, grölen, trinken, essen, schreien, schunkeln. Die Blasmusiktribüne, die in der Mitte des Zeltes aufgebaut ist, versinkt in Bratendunst und Tabakqualm.
Hermann und Herr Groß haben Mühe, sich zu orientieren. An Hendlgrill, Ausschanktresen und Schmankerltheken vorbei müssen sie sich vom Menschenstrom schieben lassen, bis es ihnen gelingt, auf die Seite zu gelangen, wo sich die Firmenboxen befinden.
Uber einem Treppchen ist hier ein Schild mit der Aufschrift »Reserviert« angebracht, und neben einem uniformierten Saaldiener, der die Zugänge kontrolliert, prangt am Geländer auch das Firmenzeichen der Isarfilm.
Die Blaskupelle in der Mitte intoniert das »Prosit-Lied«, danach entsteht eine von Bierkehlen und dumpfem Johlen erfüllte Musikpause. Es wird getrunken.
Hermann und Groß sind angekommen.
Konsul Handschuh residiert in der Mitte des Tisches, seine Angestellten, seine Geschäftsfreunde und ein paar Schnorrer haben auf beiden Seiten neben und hinter ihm Platz gefunden.
Der Konsul wuchtet seinen schweren Körper hoch, um die Neuankömmlinge gestenreich zu empfangen.
KONSUL. Willkommen. Schön, daß Sie da sind, unser unermüdliches Genie! Ich möchte wirklich mal wissen, Herr Simon, wann Sie schlafen. Und Sie, Herr Groß, wenn Sie so weitermachen, schicke ich Sie in Zwangsurlaub. Kommen Sie hier an meine Seite. HERMANN. Dankeschön. Der Konsul plaziert Hermann an seine »grüne Seite«, indem er »Haselchen«, seine Frau, bittet, einen Platz weiterzurücken, so daß Hermann zwischen den beiden gewichtigen Menschen eingeklemmt wird. Herr Groß darf auf der anderen Seite vom Konsul sitzen und erhält wie Hermann einen Maßkrug voll Bier gereicht. Die Stimme des Chefs übertönt alle. Er verbreitet Stimmung und versucht sich hemdsärmelig zu geben. KONSUL. Wir sind eine große Familie. Es wäre doch gelacht, wenn es bei uns zweierlei Menschen gäbe. Wo ist eigentlich unser lieber Herr Zielke? HERMANN. Den haben wir verloren. Beim erneuten großen »Prosit«, das durch den ganzen Saal brandet, klirren auch in der Isarfilm-Box die Krüge aneinander. Dann lassen die Gäste das Bier durch die Kehlen fließen. Der Konsul hat einen zünftigen Lodenanzug an. Haselchen trägt ein Dirndlkleid, dessen Mieder unter der Last der überquellenden Brüste schier zu platzen droht. Hermann möchte liebend gern seinen Blick von diesem Fleisch wenden, aber er sitzt so eingeklemmt zwischen dem Chefehepaar, daß er nicht anders kann als hinschauen. Der Konsul betrachtet ihn schmunzelnd. KONSUL. Haselchen, bring dem Herrn Simon was zu essen. Der sieht ja ganz verhungert aus. Die Konsulin sieht, wie die bayerische Kellnerin gerade einige Brathüh- ner serviert. Sie stürzt sich auf einen der Teller, um ihn für Hermann zu reservieren. FRAU KONSUL. Entschuldigen Sie. Ich muß Ihnen das wieder wegneh-men. Sie kriegen das nächste. Während Hermann das frisch dampfende Brathuhn vor die Nase ge-stellt bekommt, entdeckt der Chef einen Herrn, der unterhalb der Brüstung durch den Seitengang des Festzeltes geht. Schnell stemmt er sich hoch und walzt auf das Treppchen zu, wo der Herr im Lodenanzug stehengeblieben ist. KONSUL. Wen sehe ich denn da! Mein lieber Herr Oberkirchenrat, grüß Gott. Und so braungebrannt! Aus der Urlaubsfrische gerade, wie? Schon ist der Oberkirchenrat eingemeindet in die Runde der Isarfilm. Auch er erhält die obligate Maß Bier und Gutscheine für Hähnchen und weiteres Bier. Sobald der lächelnde Kirchenmann Platz genommen hat, gibt der Konsul seinen Angestellten die Geschichte zum besten, wie er den Gast im Urlaubsort kennengelernt hat. Handschuh hat den Kir-chenrat damals dabei ertappt, als er sich eine Rebe von des Konsuls Zierwein klauen wollte. KONSUL. Da hätten Sie mal sehen sollen, wie er erschrocken war, als hätte ihn der liebe Gott persönlich ertappt. Wir sind dann die besten Freunde geworden, und ich muß sagen: ein herrliches Fleckchen Erde da unten. Hermann hat sich die Geschichte nicht angehört, denn seine Gedanken schweifen in die Ferne. HERMANN. Die Situation wäre ganz nach Schnüßchens Geschmack gewesen, denn sie war in einer lauten Riesenfamilie aufgewachsen und liebte es, eingehlemmt zwischen den Eltern, Geschwistern, Bra-tenschüsseln und Geschwätz zu sitzen und eine von ihnen zu sein - ein Familienmensch. Ich aber haßte diese Nähe, die sich selbstverständlich gab, aber eigentlich genau das Gegenteil war: das Niederwalzen aller Getüble mit dem Gewicht des Alltäglichen. Die Kapelle animiert erneut zum Trinken. Abermals werden um Her-mann herum die Maßkrüge angestoßen, und die Feststimmung der Angestellten wächst. Einige sind auf die Bänke gestiegen, schunkeln und singen zur Musik der Blaskapelle: »Ein Prosit der Gemütlichkeit«. Es ist wie im Hunsrück, nur mit einer Million, der Einwohnerzahl Münchens, multipliziert. KONSUL. Ubrigens, ich war im letzten Monat bei Ihrer Tagung in Tutzing, und ich muß Ihnen sagen, das hat mich mächtig beeindruckt. Sie kennen ja meine Einstellung gegenüber der Kirche. Aber Ihre Kritik am ethischen Zerfall dieser Zeit und der kulturellen Nivellie-rung, da bin ich völlig mit Ihnen einig. Da fühle ich wie ein Evangele. Hermann ist vergessen worden. So überschwenglich der Chef ihn bei der Ankunft begrüßt hat, so konsequent widmet er sich nun seinen Ge-schäftsfreunden und der Mittelpunktrolle, die er hier einnimmt. Her-mann sitzt einsam im Lärm. HERMANN. Im Mai dieses Jahres war ich dreif ig geworden. Zehn Jahre waren vergangen, seit ich mein Hunsrückdorf verlassen hatte. Zehn Jahre, auf die ich nicht zurückFlicken mochte, denn alles, was ich hatte erreichen wollen, lag noch vor mir; oder war es längst vom Schicksal beschlossen, daß ich meine Traumziele nie erreichen würde? In letzter Zeit plagten mich mehr und mehr Zweifel an mir und meinem Talent. Der Konsul hat schon wieder einen Kunden ausgemacht, den er mit lauter Stimme anspricht und zu sich in die Box bittet. Es ist ein rotbackiger Herr um die Fünfzig in Begleitung von Erika. Auch sie trägt ein zünftiges Trachtenkostüm. KONSUL. Lieber Herr Doktor Pöscher, das Bayerische Fernsehen per-sönlich. Und seine liebe Gattin, die uns allen ja keine Unbekannte ist. Ja, sehen Sie, wären Sie bei uns geblieben, dann hätten Sie Ihre wahre Bestimmung nicht gefunden. Ich habe immer gespürt, Ihr Platz ist ganz woanders: im Leben, und nicht im Büro. So, Schorsch, alter Volksverführer. Wie wär's denn, wenn du mal für deine Partei, die CSU, bei uns einen Werbefilm produzieren würdest? Wär doch eine Schande, wenn euch die Roten zuvorkämen. Du weißt, ich bin total unparteiisch, Gott sei Dank! Ja, die Nazis haben mich nicht gekriegt, und ihr werdet mich auch nicht kriegen. Es wäre wirklich eine Schande, Herr Doktor Pöscher, wenn ihr unser Archiv nicht nutzen würdet. Wir haben nämlich die seltensten Aufnahmen aus den An-fangsjahren. Da werden Sie staunen. Also, da kommt Ihr Archiv vom Bayerischen Rundfunk überhaupt nicht mit. Hermann begrüßt Erika, die sich vor Lachen über des Konsuls Anspie-lungen nicht mehr einkriegen kann. Sie genießt es nun, als Ehefrau eines mächtigen Mannes auftreten zu können und zu registrieren, daß selbst die Konsulin ihr den Hof macht. HERMANN (grinsend). Grüß Gott, Frau Doktor Pöscher. ERIKA. Mensch, Hermann, das ist ja toll, daß ich dich wiedersehe. Wie geht's denn? HERMANN. Ja, es läuft so, du kennst es ja, es hat sich nichts verändert, seitdem du weg bist. HERRGROSS. Jetzt müssen Sie aber »Sie« zu ihr sagen. ERIKA. Ach was, um Gottes willen. Wahnsinn, daß wir uns wieder-sehen. HERMANN. Prost! Der Konsul und Pöscher machen sich nun vor, wie schmal sie in den zitierten »Gründerjahren« nach dem Krieg gewesen sind, und wie sie jetzt mit ihrem Ubergewicht zu kämpfen haben. KONSUL.So sah er aus, so sah er aus. PÖSCHER. Aber du auch, soo. Hermann entdeckt Herrn Zielke, der in der Menge auftaucht und sich ängstlich seinen Weg durch die Sitzreihen zur Box herüber bahnt. HERMANN. Herr Zielke! KONSUL. Ja, da kommt Zielke. Schaut euch das an. Herr Zielke, hier sind wir! Zielke hat sich für den Weg durch das Gewühl Oropax in die Ohren gesteckt. Zur Begrüßung auf den Stufen zur Box muß er sich die Pfrop-fen erst einmal herausnehmen, um den Konsul zu verstehen und sich orientieren zu können. KONSUL. Schön, daß Sie da sind, Herr Zielke, ich sage, schön, schön, daß Sie da sind. Haselchen, was zu essen und zu trinken für unseren Herrn Zielke. So, nehmen Sie Platz. ZIELKE. Danke, Herr Konsul, aber ich gehöre in eine andere Welt - eine, die untergegangen ist. KONSUL. Nicht traurig sein, Herr Zielke, es wächst immer was Neues nach. Da wird ein Platz frei am Künstlertisch. Kommen Sie, Herr Zielke, irgendwie sind Sie ja auch ein Künstler. Ich werde Ihnen nie vergessen, was Sie damals für mich getan haben, Herr Zielke, nie! Der Konsul steht ein paar Sekunden im Lärm und schweigt, auch seine Gedanken entschweben für einen Augenblick in die Vergangenheit. Am Tisch hat der Oberkirchenrat begonnen, Zauberkunststücke vorzu-führen. Aus seiner Faust zupft er ein rotes Tuch, das er vor den staunenden Zuschauern entfaltet. OBERKIRCHENRAT. Und nun, was wird bei der nächsten Bundestags-wahl sein? KONSUL. Herr Oberkirchenrat, Sie können ja richtig zaubern! Dafür gibt es eine Ehrenbiermarke fur den Herrn Oberkirchenrat. OBERKIRCHENRAT. Danke, Herr Konsul. Wir hoffen doch, daß die Schwarzen wieder drankommen. KONSUL. Sag mal, Haselchen, fahren wir dieses Jahr noch nach Kitzbühel in unser Haus? Fein, dann können wir es ja Herrn Doktor Pöscher und seiner lieben Gattin überlassen. Das wird ein Riesenspaß für Sie, nicht wahr? Schorsch, du erinnerst dich genau, bei unserem Haus ist ein kleiner Abhang, das Richtige zum Uben. Tun Sie mir den Gefallen, fahren Sie für ein paar Wochen hin, und erholen Sie sich richtig. Wir brauchen da kein Wort drüber zu verlieren, denn wir profitieren ja nur davon. Hermann, den derlei Geschäftspraktiken nicht interessieren, erhebt sich, um seinen Gedanken nachzugehen. Er setzt sich an die Brüstung und sieht in die brodelnde Menschenmenge hinab. HERMANN. In einem Punkt gingen meine Gedanken doch in die Vergangenheit der zehn Münchner Jahre zurück: die Freunde. » Voll von Freunden war mir die Welt, als mein Leben noch licht war. Nun, da der Nebel fällt, ist keiner mehr sichtbar. « Ich hatte dieses Herbstgedicht von Hesse schon einmal vertont. Ich war fünkehn. Als hatte ich schon damals gewußt, was Einsamkeit ist. Da steht plötzlich der Konsul vor ihm. Mitten in diesem vor Hermanns Augen verschwimmenden Bild taucht er auf an der Seite eines glatzköp-figen älteren Herrn. Hermann erschrickt. KONSUL. Herr Simon?! Wollen Sie sich nicht bei dem Herrn Bundes-bahnpräsidenten bedanken? Hermann dreht sich um. Raum und Zeit scheinen um ihn herum den Atem anzuhalten. KONSUL. Schauen Sie mich nicht so fragend an, Sie Engelchen, Sie Träumerchen! Das ist der Herr, dem Sie das phantastische Geschenk verdanken. Jetzt schon im zweiten Jahr. Na ? HERMANN. Die Netzfahrkarte! KONSUL. Endlich! Kein Wort des Dankes? HERMANN. Ich bedanke mich. KONSUL. Waren wir nicht alle einmal Träumer? Hätten wir ohne unsere Träume unseren Weg gefunden? Konsul und Bahnpräsident kehren in den Zigarettenqualm zurück, aus dem sie aufgetaucht sind. Hermanns Blick sucht Halt an dieser lärmen-den Realität. Alle Personen am Tisch, Konsul, Konsulin, Zielke, Groß, Erika und Gäste, sehen ihn an, als wäre er eine Geistererscheinung. Der Blick ins Festzelt zeigt unterhalb der Brüstung eine Tischrunde mit Männern in Krawallstimmung, Nazilieder werden gesungen. Grölend und vom Bedürfnis beherrscht, die Blasmusik noch zu übertönen, singen die Randalierer: »Ein junges Volk steht auf, zum Sturm bereit. . .« Hermann beobachtet, wie Herr Zielke unter den neofaschistischen Tiraden leidet. Zu sehr erinnert ihn das an seine Vergangenheit, die er gern ungeschehen machen möchte, denn sie hat auch ihm kein Glück gebracht. Am Prominententisch singt man die Nazilieder gedankenlos mit. Man schwelgt im Gedenken an alte Zeiten. Nun singen die Randalierer das Horst-Wessel-Lied und bringen Haken-krenzfähnchen zum Vorschein, mit denen sie durch den Seitengang ziehen. Zielke wird bleich. Als die Neonazis anfangen, mit dem Saalord-ner unterhalb der Brüstung zu raufen, packt Zielke entschlossen seinen vollen Maßkrug und schüttet ihn über die Köpfe des Pöbels. In Sekundenschnelle bricht ein Chaos los. Die Neonazis springen über das Geländer, kippen Tische und Stühle um und zerren Herrn Zielke vom Podest herunter. Sie werfen ihn wie einen Sack in die Luft und lassen ihn zu Boden fallen. Herr Groß und Erika versuchen noch, Zielke zu Hilfe zu kommen, bewirken aber durch ihr Einschreiten nur, daß die Randalierer die Box stürmen. Der Konsul und seine Freunde rufen um Hilfe. Man schreit nach den Saalordnern und nach der Polizei. Jeder bekommt ein paar Schläge ab, nur Hermann und Erika nicht, die sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Groß findet Zielke, der mit zerbrochener Brille unter dem Podium liegt und sich ganz klein macht. GROSS. Herr Zielke, fehlt Ihnen etwas? ZIELKE. Meine Brille! Die Neonazis flüchten, als sie merken, daß der Widerstand gegen sie zu groß wird. |
1303 Taxiplatz Nähe Oktoberfest |
Hermann und Erika erreichen den Standplatz der Taxis. Noch immer fühlen sie sich verfolgt und werfen ängstliche Blicke zurück zur Fest-wiese, wo aber nur die vielen bunten Lichter zu sehen sind und die Betrunkenen, die mit ihnen die Straße überqueren.
ERIKA. Ich habe noch oft an dich gedacht. Mein Mann ist sehr nett. Ich glaube, ich habe mich gar nicht von dir verabschiedet damals. Sie gibt Hermann ein Zeichen, vorsichtig mit ihr zu sein, weil der Ehemann sie beobachten könnte. HERMANN. Ich gehe auch nicht mehr zurück. Ich gehe nach Hause. ERIKA. Auf Wiedersehen, Hermann. Es war ein sehr schönes Spiel. Bei den Taxis herrscht Gedränge. Jeder versucht dem anderen den Wagen wegzuschnappen, so daß Erika und ihr Mann Mühe haben, einzusteigen. Hermann sieht sich diese Szene an, als spiele sie in einer anderen Zeit. HERMANN. Ich hatte das Getübl, als hätte ich ununterbrochen geredet. Meine Kehle füBlte sich heiser an, und mein Hirn war ein Trümmer-haufen von unnötigen, uunützen Worten. Ich konnte nichts mehr sagen. Was hätte ich Erika sagen sollen? - Ich ging durch die Nacht. Ich wollte nicht nach Hause und ging doch dorthin zurück. |
1304 Straße vor Haus Hermann |
So kommt Hermann, ganz in seine Gedanken versunken, vom Oktober-fest zurück. Er bemerkt auch nicht das Taxi, das direkt vor seiner Haustür in zweiter Reihe mit Standlicht parkt. Hermann will gerade das Eisentor zum Hof öffnen, als jemand ihn anspricht.
Hermann erschrickt. Er erkennt Herrn Groß, der ihm aus dem Taxi zulächelt und Zeichen gibt. Auf dem Rücksitz ist Herr Zielke zu erkennen, der die Scheibe herunterkurbelt.
GROSS. Hallo, Herr Simon. ZIELKE. Wir haben auf Sie gewartet. Steigen Sie ein, trinken Sie ein Glas Wein mit uns. |