Zwölftes BuchDIE ZEIT DER VIELEN WORTE |
1201 Grenzübergang Hirschberg |
Das kreisrunde Staatsemblem der DDR mit Hammer und Zirkel in der Mitte, mit heraldisch stilisierten Ähren rundum und der schwarz-rotgoldenen Trikolore darunter wirkt schäbig in seiner laienhaft-überladenen Grafik. Es zeigt den Autofahrern, die in den schnittigen Wagen der westlichen Designgesellschaft daherkommen, daß ihre Welt hier zu Ende ist. Von hier ab gelten die Gesetze des ewig Gestrigen, der Uniformen, der Lederriemen, der Unterordnung. Wachtürme, Stacheldraht, hohe Betonzäune, Kandelaber aus verwittertem Eisenbeton bestimmen die bedrückende Atmosphäre des Platzes, der mit rechteckigen Betonplatten ausgelegt ist. Hier zieht es immer.
Die Gebäude, die als Befestigungswall und als Unterkünfte der Kontrollbeamten dienen, sind so heruntergekommen und so beliebig in ihrer Bausubstanz, daß man denken könnte, sie seien zur Abschreckung der Fremden erbaut worden.
Unter einem langgedehnten Zickzackdach stehen Betonhütten, an denen die Westautos vorbeifahren müssen. Grenzpolizisten, die überall wie Taschendiebe herumschleichen, beobachten vor allem die Westdeutschen, die in den Autos sitzen. Hier herrscht Feindschaft, die sich in jedem Augenblick gegen die Transitreisenden richten kann. Die Abfertigung in den Paßkontrollen und Zollbaracken geschieht betont langsam. In einem Kombiwagen mit Münchner Kennzeichen kommt Stefan angerollt. Olga sitzt neben ihm und hilft ihm, die spärlichen Hinweisschilder zu entziffern. Als der Wagen vor ihnen das Zeichen zur Weiterfahrt erhält, fährt Stefan vorsichtig bis zu einem Stoppschild, das zwanzig Meter vor dem Kontrollhäuschen steht. »Motor abstellen«, liest Olga auf einem der Schilder. Stefan stellt seinen Motor ab. Der Polizist hinter der Glasscheibe läßt sich nicht anmerken, ob Stefan warten soll oder nicht. Ein zweiter Uniformträger umschleicht Stefans Auto, als hätte er einen bestimmten Verdacht.
STEFAN. Es ist jedesmal so, als würde man ins KZ eingeliefert. Die könnten doch wenigstens mal freundlich »guten Tag« sagen. Aber das ist wohl nicht so im Sozialismus. OLGA. Die sind neidisch auf uns. Der Uniformierte im Häuschen sieht durch Stefan und Olga »hindurch«, als gäbe es im Hintergrund einen Film zu sehen, dem er unbewegt folgt. Stefan wartet. Er weiß, daß hier alles gegen ihn verwendet würde, wenn er ausstiege, um zu fragen, ob und wann er weiterfahren darf. Wäre das vielleicht schon ein Grund, auf ihn zu schießen, oder ihn anzubrüllen und ihn dann endlos warten zu lassen? Dieser Staat vermittelt schon in den ersten Minuten, die man auf seinem Territorium verbringt, das Gefühl völliger Unsicherheit. Stefan atmet seufzend und mit gebändigter Ungeduld. STEFAN. Wir müssen nicht vor sechs Uhr in Berlin sein. Vorher ist der Bernd nicht da, und wir kommen nicht in die Villa rein. Rob wird auch erst um diese Zeit mit der Kameraausrüstung ankommen. Dem Mann hinter der Scheibe wird von einer anonymen Hand ein Päckchen mit Papieren gereicht. Er studiert die Pässe, wirft gelegentliche Blicke auf Stefan und sein Auto, aber auch wieder in die Ferne auf jenen unsichtbaren Film im Hintergrund. Da kommt das Zeichen. Es ist ein winziges, kaum bemerkbares Winken mit der Hand, die Stefans Paß hält. Schon wieder diese Unsicherheit! Stefan startet den Motor und rollt langsam auf das Kontrollhäuschen zu. Er hat Glück gehabt: Das Winken hat ihm gegolten, er darf weiterfahren. |
12O2 Fahrt durch die DDR |
Hier beginnt das »andere Lager«, eine Welt, in der Stefan und Olga ihre Freiheit ablegen müssen wie ein unerwünschtes Kleidungsstück. Ihr Auto rollt nun auf dem holprigen Endlosband der Autobahn, über die schon Hitlers Panzer im Zweiten Weltkrieg gerollt sind. Die Landschaft draußen ist gelbbraun, von merkwürdigen Silos und Starkstrommasten besiedelt, und wirkt, als ob hier keine Menschen lebten. Nur der schwelende Gestank von Chemikalien und Düngemitteln dringt ins Innere von Stefans Auto.
Olga versucht, von den Angstgedanken abzulenken.
OLGA. Soll ich dir mal den Esther-Monolog aus der Venedig-Szene vorspielen ? STEFAN. Nein, jetzt lieber nicht. OLGA. Ich habe die aber damals ganz genau mit Reinhard durchgespro-chen. Paß auf, das geht so. .. STEFAN. Olga, du weißt doch, daß ich mich nicht nach Reinhards Vorgaben richte. OLGA. Ja, aber ich will mich ganz fallen lassen, eine andere sein. Ich stelle mir die Dreharbeiten so vor, daß mich keiner mehr Olga nennt, nur noch Esther, einverstanden ? STEFAN. Olga! OLGA. Esther! STEFAN. Olga, so genial unser Reinhard war, aber für politische oder historische Realitäten hat er überhaupt kein Gespür gehabt. OLGA. Aber seine Menschen! Seine Menschen, die haben Blut in den Adern. Also, paß auf. Ich hole jetzt den Zettel, den Reinhard damals geschrieben hat, warte doch mal. STEFAN. Olga, bitte bleib sitzen! Du verstehst mich nicht. Du begreifst das Dritte Reich erst, wenn wir in Berlin sind. München, das war immer nur eine Idylle, ein großgewordenes Kuhdorf. In Berlin, da bekommt unser Film historische Dimensionen. Bei ihrem Versuch, das Drehbuch aus dem Gepäck zu holen, das sich auf der hinteren Ladefläche befindet, ist Olga auf den Sitz gestiegen und beugt sich so weit über die Lehne, daß Stefan Angst bekommt, die DDR--Polizei könnte an Olgas Spontanaktion Anstoß nehmen. Tatsächlich stehen am nächsten Parkplatz Uniformierte, die ihn auf die Parkspur herauswinken. Stefan gehorcht, hält an der angezeigten Stelle an. Schon wieder muß er warten, weil die Polizisten erst einmal ein anderes West-Auto kontrollieren und ihm nicht zu erkennen geben, wie lange es dauern wird. Olga versinkt in Gedanken. OLGA. Immer sind die Männer, an die ich mich halten wollte, gestorben. Ansgar, Reinhard... STEFAN. Sag so was nicht in dieser Situation! OLGA. Vielleicht ahne ich so was und spüre, daß einer nicht lange lebt. Vielleicht verliebe ich mich deshalb. STEFAN. Du meinst hoffentlich nicht mich! OLGA. Du wirst einmal uralt werden, Stefan. Jetzt kommt der DDR-Polizist auf Stefans Wagen zu. Stefan kurbelt die Scheibe herunter und sieht den Beamten fragend an. DDR-POLIZIST. Zeigen Sie mal Ihren Führerschein! Stefan hat seine Papiere noch von der Grenzkontrolle her auf dem Armaturenbrett liegen. Der Beamte nimmt das Dokument entgegen. Sein Gesicht nimmt einen arroganten, verächtlichen Zug an. POLIZIST. Haben Sie das Schild nicht gesehen? STEFAN. Welches Schild? POLIZIST. Dürfen Sie in der BRD die Geschwindigkeitsbeschränkung überschreiten ? STEFAN. Welche Geschwindigkeitsbegrenzung? POLIZIST. Sechzig Ka-em-ha! STEFAN. Da war aber kein Schild. Das hätte Stefan nicht sagen sollen! Der Polizist ist nun entschlossen, ihn seine Macht spüren zu lassen. POLIZIST. Werden Sie nicht frech! Da zeigen wir doch gleich mal den Paß. Stefan gibt seinen Paß herüber. Olga sitzt aufrecht, als wollte sie jeden Moment aus dem Auto springen. Der Vopo blättert in Stefans Paß und wirft Kontrollblicke in das Auto. POLIZIST. Was sind Sie? Regisseur? Was drehen Sie denn da so für Filme? STEFAN. Spielfilme. OLGA. Cinema d'amore. POLIZIST. Das ist italienisch! Ja ja, Italien. .. Es scheint, daß der sehnsüchtige Gedanke an Italien selbst diesen Schergen für Sekunden zum Menschen macht. Im Grunde leidet auch er unter dem Eingesperrtsein. Ein Leidenslächeln weht über sein Gesicht. Er wirft einen flüchtigen Blick auf Olga und ihr elegantes Kleid. Er muß einmal kurz schlucken, ehe er wieder zur Sache kommt und sich an Stefan schadlos hält. POLTZIST. Sind Sie mit hundert Mark Strafe einverstanden? STEFAN. Andernfalls? POLIZIST. Andernfalls müssen Sie nämlich gleich mit. Stefan zahlt die Strafe. Er erhält eine Quittung und darf weiterfahren. STEFAN. Weißt du, was das war? Eine Devisenfalle. Scheißland! Das paßt zu denen, daß sie sich selbst eingemauert haben, haben sich selbst in den Knast gesperrt, und da gehören sie auch hin. Die Schlaglöcher in der Betonpiste sind hier besonders tief, so daß Stefan und Olga rhythmische Stöße ertragen müssen. Vielleicht ist auch das eine Strafe für ihre Träume. |
1203 Villa in Berlin |
Die Villa, in der Stefans Dreharbeiten stattfinden sollen, liegt unweit des Wannsee-Ufers inmitten eines hochherrschaftlichen Gartens mit altem Baumbestand. Das Haus ist im Stil eines Jagdschlößchens gebaut, in dem sich alpenländische und englische Stilelemente auf abenteuerliche Weise mischen. Das Gebäude hat ein ähnlich verspieltes Dach mit Turm und Türmchen wie der ehemalige »Fuchsbau« in München. Es ist alles nur noch großbürgerlicher, noch reicher.
Stefans Auto rollt den breiten Kiesweg hinab, an einer Art Gesindehaus vorbei auf einen gepflegten Rasen zu, vor dem es zum Stehen kommt. Olga, die das Haus zum ersten Mal sieht, steigt langsam und von den vielen Fragen, die jetzt in ihr aufsteigen, beunruhigt aus dem Wagen. Sie sieht sich um.
STEFAN. Olga, das ist also für die nächste Zeit dein Haus. Was sagst du dazu? Von einem plötzlichen Impuls der Vorfreude gepackt, rennt Olga in die Wiese hinein. Sie stößt einen Schrei aus. Aber sogleich bremst sie sich wieder ab und kehrt mit gespielter Resignation zu Stefan zurück. OLGA. Ach, nein, als Esther habe ich nie darin gewohnt, da kann ich gar kein Verhältnis zu der Villa haben. STEFAN. Olga, reg dich doch nicht auf. Schau mal genau hin! Schau, allein der Anblick, der erzählt doch schon eine ganze Menge. Dieser Herrschaftsanspruch, die Fassade, die die kleinen Leute abweist und die großen empfängt. OLGA. Du bist der Regisseur. Die Geschichte mußt du erzählen. Hoch oben unter dem Turmdach gibt es einen Balkon, auf dem Bernd, der sächsische Aufnahmeleiter, erscheint. Er ist nach seinem Ausflug ins Land der Gastronomie froh, nun wieder beim Film tätig sein zu können. Er faßt zwei junge Frauen um die Schultern und präsentiert sie seinem Regisseur, der von seinem Turm aus gesehen ganz winzig wirkt, so weit unten auf der Wiese. BERND. Grüß Gott, Herr Aufhäuser! Grüß Gott, Fräulein Olga, kom-men Sie ruhig rein, wir warten schon. STEFAN. Ist die Maske schon da? BERND. Ja, freilich! Und die Kostüme sind auch schon da mit den beiden Garderobenmädels. Während Bernd seine beiden Garderobenmädels wieder ins Haus zu-rückkehren läBt, geht Stefan mit Olga zum Haupteingang des Hauses. STEFAN. Wir färben dir die Haare, Olga. Du mußt schwarze Haare haben. OLGA. Ach, meinst du das immer noch? Du vergißt immer, daß Esthers Vater bei der SS war. STEFAN. Wie du so auf mich zugekommen bist, da habe ich gespürt, daß du schwarz sein mußt. Das gibt dir so was Fremdes. Das ganze Bild wird irgendwie so fremd davon. Rob, der schon eine Reihe von Tagen früher hierhergekommen ist, erwartet die beiden auf der Haustreppe. ROB. Herzlich willkommen, wie war die Fahrt? STEFAN. Teuer. ROB. Teuer? Übrigens, das mit den schwarzen Haaren ist richtig. Das hat Reinhard so ins Drehbuch geschrieben. OLGA. Ich bin da anderer Meinung. Ich bin Esther, so einfach ist das. STEFAN. Du mit deinem Reinhard! Ich habe drei Jahre im »Fuchsbau« gelebt, bevor überhaupt irgendeiner von euch aufgetaucht ist. Durch mich hat Reinhard die ganze Geschichte überhaupt erst kennenge-lernt. Ohne mich hätte er das Drehbuch gar nicht schreiben können. Olga, jetzt bleib mal da! Olga hat sich Stefans Reden nicht anhören wollen. Sie ist einfach ins Haus hineingegangen und läßt Stefan keine Gelegenheit, seine Argu-mente auch vor ihr darzulegen. |
1204 In der Berliner Villa |
Das Innere der Villa ist bereits für den Film hergerichtet: Die ehemalige Veranda hat sich in einen Masken- und Garderobenraum verwandelt, hier sind die Schminkspiegel und Kleiderständer aufgebaut. Kleindarsteller und Assistenten tummeln sich in den Räumen, probieren Kostüme oder machen sich wichtig. Robs Beleuchter haben begonnen, das Wohnzimmer mit dem benachbarten Salon sowie die geräumige, holzvertäfelte Diele auszuleuchten. Dazu werden sogenannte »Pole Cats«, das sind lange Aluminiumrohre, unter die Zimmerdecke gespreizt. Allerlei Kabel und kleinere Lampen werden auf diese Weise hoch über den herumeilenden Menschen befestigt.
Stefan, der das Bedürfnis hat, sofort die Herrschaft über alle Aktivitäten und Teammitglieder zu ergreifen, baut sich hinter dem langen Tisch auf und beginnt eine Ansprache.
STEFAN. Jetzt hört mal alle her! Ich möchte zur Begrüßung etwas Grundsätzliches sagen: Ein Film besteht aus lauter Einzelheiten, die man nicht sieht. Deshalb möchte ich, das heißt, ich wünsche mir, daß wir alle eine große Familie werden. Ich meine, daß sich jeder für das Ganze mitverantwortlich fühlt. Rob kommt mit Herbert, seinem Oberbeleuchter, herein. Nach Robs Anweisungen steigt Herbert direkt vor dem redenden Stefan auf den Tisch, um eine Lampe unter der Decke anzubringen. Rob wendet sich an Herbert. ROB. Da mach dir mal keine Sorgen, oder, Herbert? HERBERT. Wirklich net! ROB. Schau mal, da oben geht's. HERBERT. Da oben geht's wunderbar. So wird Praxis gegen Theorie, Technik gegen die Regieambitionen gesetzt. Stefan hält inne. Er konzentriert sich nun auf Ulla, seine Regieassistentin. STEFAN. Ulla, wir haben uns jetzt drauf geeignigt, daß wir Olga die Haare schwarz färben. ULLA. Da müssen wir aber sofort einen Termin machen. STEFAN. Ja, muß man . . . Bernd, der emsige Aufnahmeleiter, kommt die Treppe vom Ober- geschoß herunter. Er verteilt Pappbecher an alle und öffnet eine Sekt- flasche. STEFAN. Also, laßt uns einen schönen Film machen! ULLA. Prost! BERND. Na, Fräulein Olga, sind Sie schon aufgeregt? OLGA. Natürlich. Das wäre ja ganz unnatürlich, wenn ich jetzt eiskalt wäre. Nicht wahr, Frau Wunderlich ? Frau Wunderlich ist eine ältere Schauspielerin, mit der Olga sich soeben bekannt gemacht hat. Bernd schenkt auch ihr einen Becher Sekt ein und prostet ihr zu. BERND. Nächstes Jahr im Mai werden Sie vielleicht in Cannes auf der Bühne stehen und sich vor der Weltpresse verbeugen. Wer weiß, Fräulein Olga, ob wir nicht sogar einen Preis bekommen. Der deutsche Film ist schwer im Kommen! Stefan, Ulla und die Garderobenmädels stehen in der Tür. Was Bernd da sagt, das hören sie allzu gern. |