Drittes Buch

EIFERSUCHT UND STOLZ






301 Friedhof Neuburg an der Donau



Ein Sommertag. Der schön auf einer Anhöhe gelegene Friedhof ist mit Vogelstimmen erfüllt. Glitzerndes Sonnenlicht fällt auf die kleine Trauergemeinde, die unter den Bäumen langsam Richtung Ausgang geht. Es sind Neuburger Bürger, Männer, Frauen und Kinder, alte Nachbarn, Angehörige oder Freunde der Hinterbliebenen: Edith Cerphal geb. Moser, 4I Jahre, ihre Söhne Jürgen, I9 Jahre, und der elfjährige Hartmut, der sich eng an die weinende Mutter klammert. Tante Elisabeth Cerphal (50) aus München läßt sich von einem Herrn im eleganten Lodenanzug am Arm führen. So gehen die Münchner Gäste, von den Trauernden mit Respekt beobachtet, allen voraus.

Jürgen läßt seine Mutter los. Er sieht sich um. Sein Blick sucht eine junge Frau, die hinter der Gruppe zurückbleibt. Es ist Evelyne, Jürgens zwanzigjährige Schwester. Sie bleibt nachdenklich mitten auf dem Friedhofsweg stehen.

Evelyne ist größer als ihr Bruder; sie hat einen stolzen, aufrechten Körper, und in ihren Bewegungen liegt trotzige Entschlossenheit. Sie kehrt um. Zwischen den Gräberreihen läuft sie den Weg zurück, den die trauernde Gemeinde gerade genommen hat. Sie will noch einmal, allein, vor dem Grab stehen und ihren eigenen Abschied nehmen. Zwei Friedhofsarbeiter haben begonnen, das Grab zuzuschaufeln. Die Trauerkränze und Blumengebinde räumen sie zur Seite und ziehen die Gurte aus dem Grab, mit deren Hilfe man den Sarg hinabgelassen hatte. Evelyne ist vor dem Holzkreuz stehengeblieben. Sie betrachtet die Kranzschleifen, die zu ihren Füßen liegen. Sie tragen die Namen ihrer Geschwister, des Münchner Verlagshauses Cerphal, und auch ihren eigenen Namen. Die Aufschrift auf dem Holzkreuz lautet:

ARNO CERPHAL I9I9-I96I

In ihrem Gesicht fällt besonders der schöne Mund auf: weiche, große, fast kindliche Lippen. Ihre Augen sind blau und rund. Zwischen kräftigen Brauen eine kurze Trotzfalte.

EVELYNE, Im Juli I96I ist mein Vater gestorberz. Er war erst 42 Jabre alt. In der Nacht vor seinem Begräbnis hat sich, mein Leben vollständig verändert. Ich hatte meinen Vater sehr geliebt. Ich war immer seine Vertraute gewesen, schon als kleines Mädchen. Und dennoch hat er mir nie gesagt, daß ich nicht das Kind der Frau war, die ich immer für meine Mutter gehalten hatte. Und plötzlich waren meine Brüder nicht mehr meine Geschwister, wie ich von Kindheit an geglaubt hatte. Hatte mein Vater Angst, ich könnte zu schwach sein für diese Wahrheit? Ich habe ihn doch immer so gut verstanden! Ich war oft stärker als er.

Jetzt hört Evelyne das dumpfe Poltern der Erde, die auf den Sarg geschaufelt wird. Sie konfrontiert sich aber ganz bewußt mit dieser Realität und verfolgt die Arbeit der beiden Totengräber. Die Männer schaufeln rhythmisch, einander abwechselnd, den Erdhaufen in das Grab. Bald ändert sich das Geräusch. Die Erde klingt nun feucht und satt.

Einer der Arbeiter hat Evelyne entdeckt und lächelt ihr verlegen zu. Evelyne versucht zurückzulächeln, aber es wird nur ein bleiches Nicken daraus.

Die Trauergemeinde ist auf dem Platz vor der Aussegnungshalle ange-kommen. Hier werden der Witwe noch Beileidsbezeugungen gebracht.

Man schüttelt ihr die Hände, während um sie herum auch schon das Alltagsgetratsche losgeht. Verwandte, die sich lange nicht gesehen haben, erkundigen sich nach Belanglosigkeiten und geben sich Verspre-chen, die sie doch nicht halten werden.

Die Witwe merkt nun, daß Evelyne fehlt, und macht sich plötzlich Sorgen. Sie schickt ihren Sohn Jürgen los, um Evelyne zu suchen. Den kleinen Hartmut, der den großen Bruder begleiten will, hält sie aber fest an ihrer Seite: Ihr Kleinster soll ihr ganzer Trost bleiben! Dieser Meinung ist auch Tante Cerphal aus München, die Hartmut anstelle der trauernden Mutter tätschelt.

Jürgen hat Evelyne gefunden. Er spürt, daß die Ereignisse dieser Tage auch seine Empfindungen und sein Verständnis tiefgreifend verändert haben. Schweigend bleibt er bei Evelyne stehen.

Direkt gegenüber der Aussegnungshalle steht der amerikanische Stra-ßenkreuzer aus München geparkt. Für Elisabeth Cerphal ist der eigentli-che Grund ihres Aufenthalts jetzt erledigt: Ihr Bruder Arno ist begraben. Also kann sie an die Heimfahrt denken. Sie gibt ihrem Begleiter, Herrn Gattinger, der abwartend neben dem Straßenkreuzer steht, ein unauf-fälliges Handzeichen. Gattinger steigt in den Wagen und steuert ihn auf die Trauerfamilie zu.

Die Cerphal wendet sich an die Schwägerin.

FRÄULEIN CERPHAL. Edith, wenn ihr mich mal suchen solltet oder meinen Rat braucht, ich würde mich jedenfalls sehr freuen, wenn wir uns mal wiedersehen würden, über alle Familienangelegenheiten hinweg. Ich lasse euch mal für alle Fälle meine Geheimnummer aus München da.

Gerold, haben wir noch so. . .?

Sie macht sich nicht die Mühe, das Wort für »Visitenkarte« zu finden, sondern sie begnügt sich mit einem nervösen Gestammel und einem unbestimmten Handzeichen.

Herr Gattinger, der es gewöhnt ist, Befehle dieser Art zu empfangen, beginnt sofort seine Westentaschen zu durchsuchen.

GATTINGER. Keine Angst, wir haben noch, bitte!

Er überreicht der Cerphal ein persönliches Kärtchen, das sie an die Schwägerin vom Lande weiterreicht. Die trauernde Witwe weiß nicht, was sie damit im Moment anfangen soll. Sie nickt nur.

Jürgen steht noch immer neben Evelyne am Grab des Vaters. Die Friedhofsarbeiter schichten jetzt die Kränze auf den frischen Erdhügel. Einer der Arbeiter legt eine kleine Pause ein. Er stützt sich auf seine Schaufel und freut sich, daß endlich einmal jemand Interesse an seiner Arbeit zeigt.

FRIEDHOFSARBEITER. In Ingolstadt drüben, wo i früher gearbeitet hab, da is a Kiesboden. Das ist was anderes wie da. Da ist nix wie Kies. Da kannst graben ganz tief, allweil bloß Kies. Glauben S' mir, das ist mir lieber wie dieser schwere Erdboden hier.

Das san Donauablagerungen wie im Moos, das hat der Lech rein-bracht vor Jahrmillionen. Da geht's scho, da brauchen S' so I5 Jahr sowas, bis da einer verwest ist. Aber da drüben, da haben wir Streifen, Z5 Jahr oder mehr. Im Moor dauert's dann ewig.

Der Friedhofsarbeiter lacht. Er sieht die Sache vom allgemeinen Stand-punkt seines Berufes aus. Jürgen findet das unerträglich. Er wendet sich ab und geht ein paar Schritte zum Ausgang zurück. Evelyne folgt ihm nicht, sie ist in ihre Gedanken versunken. Der Arbeiter kümmert sich nun wieder um die Trauerkränze.

FRIEDHoFsARsE~TER. Soll'n mer den Kranz da noch reinlegen in die Mitte?

Da Evelyne nicht antwortet, dekoriert er hilflos an den Kranzschleifen herum.



302 Straßen in Neuburg



Der Straßenkreuzer mit dem Münchner Kennzeichen führt die Autoko-lonne an, die aus dem Friedhofstor kommt. So fahren die Trauernden durch die kleine Stadt. Sie kommen in die Altstadt, am ehemaligen Thurn-und-Taxis-Palais vorbei, passieren Rathaus und Hoflkirche.

Jürgen lenkt den Wagen, in dem seine Mutter, Evelyne und der kleine Hartmut sitzen.

EVELYNE. Als wir vom Friedhof zurückiehrten, suh ich das Elterubaus, die Familie und Neuburg mit ganz fremden Augen an. Es war, als hätte man mich plötzlich in ein fremdes Land verschleppt. All die Selbstverständlichkeit, mit der ich bisher gelebt hatte, verwandelte sich in Lügen und Zufälle. Wer von diesen Trauergästen war über-haupt mit mir verwandt? Wer von diesen anteilnehmenden Heuch-lern hat schon immer meine Geschichte gekannt und doch nie etwas gesagt?

Die kleine Wagenkolonne kommt in einer Geschäftsstraße an und hält vor einer Musikalienhandlung. Jürgen und die Verwandten parken ein, während Herr Gattinger und Frau Cerphal aus dem Straßenkreuzer steigen, um den Musikalienladen CERPHAL in Augenschein zu nehmen: ein provinzielles, kleines Geschäft mit preiswerten Musikinstrumenten in der Auslage, einem Klavier, Notenständern, Violinsaiten, Noten, Schallplatten. An der Ladentür hängt ein Pappschild mit der Aufschrift: »Wegen Trauerfall geschlossen«.

Jürgen hat den Laden aufgeschlossen und läft die schwarzgekleideten Gäste eintreten.

Die Cerphal und Herr Gattinger zögern, sich anzuschließen. Es ist doch so ein herrlicher Sommertag. Ob man den Tag nicht auch noch für einen Ausflug in die Gegend nutzen sollte? Tiefere Trauer scheint Elisabeth Cerphal über den Tod ihres Bruders jedenfalls nicht zu empfinden. Dennoch will sie den Laden kurz betreten.

FRÄULEIN CERPHAL. Einen Kilometer von hier soll es ein wunderschö-nes SchlöLchen geben.

GATTINGER. Wenn du möchtest, fahren wir da nachher hin. Ich komme nicht mit.

FRÄULEIN CERPHAL. Wie du meinst.

GATT~NGER. Beeil dich ein bißchen, ja?

Nun ist Gattinger allein auf der Straße vor dem Musikaliengeschäft. Er schlendert das Trottoir hinauf, betrachtet lässig diese pittoreske Altstadtstraße, das Haus, vor dem die Autos der Beerdigungsgäste geparkt sind.

An eines der Autos gelehnt steht Evelyne, die ebenfalls draußen geblie-ben ist. Sie stützt ihren gedankenschweren Kopf in beide Hände und starrt das Haus an.

Als Gattinger sich ihr nähert, zieht Evelyne sich auf die andere Straßen-seite zurück. Niemand darf sie heute ansprechen.

EVELYNE. Während die schwarzgekleideten Menschen in das Haus meiner Kindheit gingen, nahm ich Abschied. Neuburg hatte aufge-hört, meine Heimat zu sein.



303 Musikalienhandlung



Im Laden herrscht betretene Stille. Die Witwe hat sich mit ihren Söhnen nach oben in die Wohnung zurückgezogen. Die Trauergäste wissen nun nicht, worauf sie noch warten sollen.

Elisabeth Cerphal klimpert im Stehen auf einem der Klaviere herum, die hier zum Verkauf stehen. Sie spielt mehr schlecht als recht ein paar Takte der »Mondscheinsonate«.

Einer der gelangweilten Trauergäste beugt sich zu ihr über den Flügel.

TRAUERGAST. Scheint in Ihrer Familie zu liegen, das Musikalische.

FRÄULEINCERPHAL. Da muß mein Bruder eine Ausnahme gewesen sein. Obwohl mein Vater uns alle unterrichten ließ. Bei mir hat es nur bis zur Mondscheinsonate gereicht. Aber für unseren bürgerlichen Haus-halt in München war es gut genug. Arno war unser Jüngster.

TRAUERGAST. Und hat als erster von uns gehen müssen. Ich kann's gar net glauben - mit 4z. Ich bin auch erst 44, und grad da fängt doch das Leben erst richtig an. Stimmt's?

FRÄULEINCERPHAL. Ja, das stimmt!

Die Cerphal kann durch das Schaufenster hinaus auf die Straße blicken. Sie sieht Herrn Gattinger, der wartend auf und ab geht; sie sieht Evelyne, die von draußen hereinschaut.



304 Wohnung Witwe Cerphal



Evelyne ist nun ganz um das Eckhaus herumgegangen und in dem kleinen Gäßchen angekommen, von wo aus ein Hintereingang zu der Wohnung ihrer Mutter hinaufführt. Sie bleibt in der Gasse stehen und erkennt Jürgen, der oben durch die Bleiverglasung Ausschau hält.

Jürgen weicht dem Blick der Schwester aus. Er sieht zu, wie sein kleiner Bruder Hartmut sich um die Mutter kümmert, die auf dem Sofa liegt, schwer atmet und sich jammernd hin und her wirft. Hartmut trägt eine Plastikschüssel mit Wasser herein und macht der Mutter kalte Um-schläge auf die Stirn. Jürgen geht schweigend im Wohnzimmer hin und her.

EVELYNE. Die Musikalienhandlung in der Altstadt gehörte früher der Familie meiner Stiefmutter, die ganz unmusikalisch war. Mein Vater hatte dann eingeheiratet. Vielleicht, weil er alle Instrumente spielen konnte und die Musik liebte.

Ich wußte so wenig. Wie kam es, daß ich in München geboren bin? Mitten im Krieg? Und wie bin ich hierhergekommen? Wer war meine Mutter? r944 soll sie umgekommen sein bei einem Bombenangriff auf München. Das war die Auskunft, die ich in der Nacht vorher zu hören bekommen hatte. Es gab keine Bilder, keine Dokumente, nichts, worauf ich mich verlassen konnte. Ich bin ganz sicher, daß mein Vater die Wahrheit über meine Herkunft nicht mit ins Grab nehmen wollte. Eines Tages hätte er mir alles erklärt. Er ist oft sehr traurig gewesen. Das kam mir jetzt in Erinnerung.

Auf dem Wohnzimmerbuffet steht ein Dampfmaschinenmodell, ein teures Spielzeug aus den zwanziger Jahren, offenbar ein Erinnerungs-stück des toten Vaters. Gedankenvoll dreht Jürgen an dem Schwungrad, bringt für einen Moment das Spielzeug in Bewegung. Der kleine Bruder sitzt neben der leidenden Mutter und weint.