Zweites BuchZWEI FREMDE AUGEN |
201 Bahnstation |
Juan schließt sich den Fahrgästen an, die an dem einsamen Vorortbahnhof ausgestiegen sind. Wenn er den Einheimischen folgt, wird er schon den richtigen Weg nehmen. Sein Gepäck, zwei Koffer und eine Ledertasche, wären auch ziemlich hinderlich, wenn er damit im unbekannten Vorort Münchens umherirren müßte. Juan hat sich ein gepflegtes Äußeres verschafft, mit seinem hellen Trenchcoat und der braven Baskenmütze auf dem Kopf. An einer Unterführung gabelt sich der Weg. Hier spricht Juan zwei junge Männer an und läßt sich den Weg erklären.
JUAN. Ich war in das Land von Johann Sebastian Bach gekommen, um Musik zu studieren. Zu Hause in Santiago hatte ich oft Bach auf Marimba gespielt. An der Musikhochschule bin ich aber nicht angenommen worden. Sie sagten, mein Marimbastück sei Folklore. Das war gelogen. Aber es gab noch andere Gründe für meine Reise: Sehnsucht -so sagt man auf deutsch. |
202 Villenstraße |
Juan läuft an Gartenmauern entlang, hinter denen die kleinen Villen der Vorortbürger stehen. Ein VW-Bus ist so auf dem Trottoir geparkt, daß Juan auf die Straße ausweichen muß. Er kann die Aufschrift auf dem Auto lesen: »Staatlich genehmigte Schauspielschule von Zett«. Juan ist am Ziel.
JUAN. Der Winter soll sehr kalt sein in Nordeuropa. Ich fürchtete mich. Meine Mutter hatte mich gewarnt. Wie sollte ich diese Monate ohne Hilfe aus Chile überleben? Die Schauspielschule von Zett suchte einen Gymnastiklehrer. Das hatte ich von Hermann erfahren - also bin ich zu diesem Vorort hinausgefahren, um mich vorzustellen und zu bewerben. Die Schauspielschule befindet sich in einem ehemaligen Einfamilienhaus aus den dreißiger Jahren. Juan öffnet das Gartentor, das nur angelehnt ist, und geht auf die Haustür zu. Er klingelt. Die junge Frau, die ihm öffnet, nimmt kaum Notiz von ihm, deutet kurz auf irgendeine Tür und setzt ihre Putzarbeit vor der Haustür fort. Juan wird ohne alle Umstände in diesem Haus aufgenommen. |
203 Schauspielschule |
Die Chefin, Frau von Zett, ist eine knochige Blondine in mittleren Jahren. Es ist etwas Lauerndes in ihrem Blick und in ihrem Gang, als sie sich Juan nähert. Juan versucht, »ordentlich« dazustehen. Er lächelt, so gut er kann.
FRAU VON Z. Wenn Sie lächeln, sehen Sie chinesisch aus. Sie sind ein komischer Junge. Welches Sternbild sind Sie? Frau von Zett fragt dies, während sie zu ihrem Schreibtisch zurückkehrt und Juan den Rücken zuwendet. Juan sucht nach dem deutschen Wort. Er findet es nicht. JUAN. Sagitario. Die Rückfrage ist ganz unangemessen streng. Fast ein wenig strafend. FRAU VON Z. Was ist denn das? Juan sucht noch immer nach einer Umschreibung. JUAN. Auf deutsch weiß ich nicht. »Der mit dem Bogen schießt.« Es scheint, daß Frau von Zett damit zufrieden ist. Sie notiert etwas in ihre Personalakte. Ihre weiteren Fragen kommen ganz beiläufig aus ihrem Mund. FRAU VON Z. Können Sie denn Klavier spielen? JUAN. Ja, auch Klavier. Es scheint, daß die Chefin dieser Privatschule das Herrschen gewöhnt ist. Sie verfügt nun über Juan so, wie sie es gewöhnt ist, über ihre Schüler zu verfügen. FRAU VON Z. Also, Sie können das Chauffeurszimmer haben. Sind denn da noch Kulissen drin? Werner? - Werner! Wenn die geschulte Chefinnenstimme laut durch das Haus tönt, weiß jeder, was er zu tun hat. Der Schauspielschüler Werner kommt die Treppe heraufgerannt, um die Befehle entgegenzunehmen. Juan ist erschrocken. FRAU VON Z. Bitte, zeig doch unserem neuen Gymnastiklehrer das Chauffeurszimmer. WERNER. Aber... Auch den Anflug von Widerspruch erstickt Frau von Zett. FRAU VON Z. Du bist doch so lieb. . . WERNER. Aber ich hab doch jetzt Rollenstunde. FRAU VON Z. Du sollst mir nicht widersprechen! Du widersprichst mir, seit ich dich kenne! Juan sieht wirklich asiatisch aus, wenn er sich jetzt entschließt, die Situation gelassen hinzunehmen. Er lächelt und folgt Werner die Treppe hinunter ins Kellergeschoß, wo sich das sogenannte Chauffeurszimmer befindet. |
204 Schauspielschule, Chauffeurszimmer |
Das Haus ist offenbar viel zu klein für den Schulbetrieb. Die Gänge, durch die Werner Juan führt, sind niedrige Kellergänge, vollgestopft mit den persönlichen Gegenständen der Schüler: Kleider, Schuhe, Taschen.
WERNER. Das ist das Chauffeurszimmer. Wer da wohnt, muß auch den VW-Bus fahren und der Chefin beim Einkaufen helfen. Ich hab zwei Jahre hier gewohnt. Ich wollt es Ihnen bloß zeigen. Der Ausdruck »Zimmer« ist eigentlich übertrieben. Es gibt da zwar ein Bett, eher eine Pritsche, auf der Juan schlafen kann, aber das Kämmerchen ist angefüllt mit Fechtwaffen, Schuhen, Koffern. Juan setzt sich erschöpft auf das schmale Bett. JUAN. Aber ich kann überhaupt kein Auto fahren. |