Erstes Buch |
101 Wohnküche, Haus Simon in Schabbach |
Klärchens Brief liegt aufgeschlagen auf dem Tisch.
Ein stiller Nachmittag im Sommer. In der Wohnküche halten alle Dinge den Atem an: der warme Suppentopf, der neben dem Teller steht, der wartende Löffel, das Brot, die feinen Staubpartikel, die vor dem offenen Fenster im Sonnenstrahl schweben, die Vorhänge, der Herd und die Einmachgläser, die glänzend vor Frische neben den Gartenbohnen bereitstehen, gerade vor zehn Minuten von der Mutter vorbereitet zum Einfüllen und Einkochen. Die Geräusche des Dorfes wehen zum Fenster herein, leise, wie im Nachmittagsschlaf. Jeden Moment kann sich die Küchentür öffnen, kann die Mutter zurückkehren, kann der Lärm des Landlebens zurückkommen. Dann würde die Stube wieder atmen, das Bild des toten Großvaters wieder von der Wand lächeln, Oma Katharina wieder gütig aus dem Holz-rähmchen schweigen, würden die Zwiebeln auf dem Brett zerhackt, würde das Bohnenkraut in das Bohnengemüse, würden die Bohnen in die Gläser gestopft . . . Auf dem Hackbrettchen liegt Klärchens Brief, aufgeschlagen mitten im Lesen liegengelassen, ein Beweisstück, ein Familienskandal, ein Vorfall, der an diesem Nachmittag das ganze Küchenleben unterbrochen hat. KLÄRCHEN. »Hermann, mein lieber Hermann, nun bin ich wieder allein und fühle mich trotzdem nicht einsam und verlassen. Mir ist immer noch warm von Deinem Gesicht in meinem Schoß und Deinen heißen Händen, die mir so viel Kraft geben, daß ich glaube, ich muß laut schreien und alle Menschen halbtot drücken, damit sie etwas abkrie-gen von unserer Liebe. Ach, Hermann, als wir uns in dem kleinen Zelt aneinandergekuschelt haben und wir beide nicht mehr frieren mußten, da gab es nur noch Dich und mich und die Ewigkeit. Ich weiß nicht, wie lange die ist, aber auch wenn sie nur noch einen einzigen Tag dauert - es ist gut so. Ist das nicht verrückt? Jetzt bin ich doch schon ganz schön alt und erwachsen. Ich weiß, Du mußt lachen, wenn Du das liest, aber ein kleines Mädchen bin ich geblieben. Und nun gibt es Dich auf der Welt, und mir kann gar nichts Schlimmes mehr passieren. In der langen, schönen Zeit bei Dir zu Hause mußte alles heimlich geschehen. Jetzt ist es so einfach und so klar- ich habe keine Angst mehr. Wir dürfen auch nicht mehr traurig sein und weinen. Versprichst Du mir das? Bei Deiner Mutter, die von unserer Liebe nichts wissen durtte, da hätte auch unser Kind nicht leben können. Da bin ich ganz sicher. Aber in ein paar Jahren, wenn wir uns dann immer noch liebhaben, dann kriegen wir ein Kind oder zwei oder drei oder zehn. Hermann, ich liebe Dich, auf immer - Dein Klärchen« Es ist die Stunde der Stubenfliegen, die ungestört und träge über den Brief, das Gemüsebrett und die scharfen Küchenmesser laufen. |
IO2 Hermanus Schlafzimmer |
Hermann hält das Erinnerungsfoto vor seine Augen, auf dem er und Klärchen in dem kleinen Zelt aneinandergekuschelt sind, ein Selbstaus-löser-Bild, das Hermann einst auf der Radtour ins Rheintal gemacht hat. Glücklich schauen die beiden aus dem Dreieckszelt heraus in die Kamera, lachen wie zwei Kinder, die sich versteckt haben vor den Erwachsenen.
Hermann weint beim Anblick dieses Fotos aus glücklichen Tagen. Ein bitteres Schluchzen schüttelt seinen Körper. Es wird gegen die Zimmer-tür gepocht und brutal auf die Türklinke geschlagen. Das Schloß hält gerade noch dem Ansturm stand. Hermann hat sich mit seinem Foto eingeschlossen.
STIMME DER MUTTER. Hermann? Mach die Tür uff, Hermann. Her-mann!! STIMME DES BRUDERS ANTON. Ich schlage die Tür in! Mach sofort uff! Hermann zieht sich das Federbett über den Kopf, verbirgt sich mit seinem Schmerz tief in den Decken. Er ist entschlossen, niemanden an sich herankommen zu lassen. Als die Mutter und der aufgebrachte Bruder draußen keine Ruhe geben wollen, bäumt Hermann sich kurz auf und schreit: »Nein«! Dann fällt er wieder in seine Trauer-Einsamkeit zurück. Hermanns Schrei hat wohl seine Wirkung getan: Die Stimmen vor seiner Schlafzimmertür entfernen sich. HERMANN. Sie hatten mir meine erste, meine einzige Liebe zerstört. Meine Mutter, mein Stiefbruder, das ganze Hunsrückdorf hatten sich zusammengerottet, um mich von meinem geliebten Klärchen zu trennen. Sie war zwölf Jahre älter als ich und - was schlimmer war - ein Flüchtlingsmädchen, ohne Vermögen, ohne Hof, ohne Familie. Sie hatten sie wie eine Kriminelle verfolgt und verjagt, alles unter dem Dechmäntelchen der Mutterliehe und der Fürsorge für mich. Über Hermanns Leid scheint die milde Nachmittagssonne auf das zerwühlte Bett, auf Hermanns Beine, die unter der Decke heraus- schauen, auf das alte Klavier neben der Türe, auf das Foto von Otto Wohlleben, Hermanns Vater, das darüber hängt. Hermann ist ruhiger geworden. Langsam erhebt er sich und nähert sich der Verbindungstüre, die früher zu Klärchens Schlafstube führte. Er legt seine Hand auf die Klinke und öffnet behutsam. Ein Windstoß reißt ihm die Tür aus der Hand. Schreiendes Sonnenlicht fährt ihm ins Gesicht. Hermann ist geblendet: Das frühere Klärchenzim-mer existiert nicht mehr. Die Tür führt ins Freie. Vor seinen Füßen klafft ein Abgrund, über dem nur noch Reste des ehemaligen Liebeszimmers hängen: Vorhänge, Bilder, ein Ofenrohr, angesengte Tapeten. Entsetzt blickt Hermann in die Tiefe seiner Vergangenheit. Hermann ist in sein Zimmer zurückgekehrt. Die Sonne steht jetzt schon tief und scheint orangefarben auf die Wand. Hermann kniet vor seinem Bett nieder, faltet die Hände zum Gebet. Er blickt in die untergehende Sonne, während er anfängt, mit Gott zu sprechen. HERMANN. Lieber Gott, du bist in mir. Deswegen kannst du mich auch hören. Deswegen gelobe ich jetzt folgendes. Erstens: Mit der Liebe soll es für alle Zeiten vorbei sein. Wenn es nämlich die Liebe gibt, dann gibt es sie nur einmal, und lieber wollt' ich mir die Zung' abbeißen, als zu einer anderen Frau zu sagen: Ich liebe dich. Und auf die zweit und dritt und viert und fünfzehnt Lieb' kann ich verzichten, weil ich sie lächerlich finde. Zweitens: Ich schwöre, daß ich aus Schabbach und dem fürchter-- lichen Hunsrück fortgehe. Vor allem von meiner Mutter und dem Elternhaus - und ich will nie mehr zurückkommen, auch dann net, wenn ich mal berühmt bin und sie mich alle gern sehen wollen. Dann erst recht net. Drittens: Die Musik soll meine einzige Liebe sein und meine Heimat. Die Musik ist überall, wo die Menschen frei sind. Ich weiß, daß mich niemand verstehen wird, aber ich will von den großen Meistern lernen, die auch alle einsam waren. Lieber Gott, ich schwöre, daß ich all das eisern in die Tat umsetzen werde, sobald ich neunzehn bin und das Abitur bestanden habe. Amen. Wie von Geisterhand öffnet sich in diesem Augenblick die Spiegeltür von Hermanns Kleiderschrank. Hermann spürt das und wendet den Blick ins Zimmer. Er sieht das Spiegelbild, das seinen nackten Rücken zeigt, und ihn, wie er im Abendlicht kniet nach seinem Gelübde. Der Blick in den Spiegel ist wie ein Blick in eine andere Welt. |
I03 Dorfkirche, Orgelempore |
Das kleine Kirchenschiff ist erfüllt von brausenden Orgelklängen.
Hermann, weinend, wütend, aufgelöst vor Schmerz, sitzt an dem alten Spieltisch und traktiert die Tasten und Register. Er improvisiert ein dramatisches Stück, das die pathetischen Vorsätze seines Gebetes noch einmal ausdrückt und in dröhnende musikalische Wallungen umsetzt. Das Gymnasium ist ein sakral anmutender Bau mit einem Glockenturm, der wie ein Kirchturm über das Schuldach ragt. An diesem Tag der mündlichen Abiturprüfungen haben die Schüler der anderen Klassen frei. Der Schulhof liegt leer, fast sonntäglich da. Nur zwei Primaner in feinen Anzügen schlendern über den Hof. Sie versuchen, einen Blick durch eins der Hochparterrefenster zu werfen. Das Prüfungszimmer scheint eine ehemalige Hauskapelle gewesen zu sein: Rundsänlen teilen es in Haupt- und Seitenschiff, ein Deckenge-wölbe gibt dem Raum eine einschüchternde Würde, so wie der alte Steinfußboden und die U-förmig angeordnete Tischrunde, hinter der die Prüfungskommission residiert. Hermann sitzt an seinem kleinen Tisch hinter einem Wandschirm und versucht, sich auf seinen Prüfungstext vorzubereiten. HERMANN. Als einziger in meiner Klasse mußte ich die Abiturprüfung auch in Religion ablegen. Das war der letzte Versuch des Dechanten, mich als sein »Lämmchen« einzufangen. Nicht in Musik, auch nicht in Philosophie oder Literatur sollte ich meine Reife beweisen, son-dern in Theologie, die ich als Glaubensfrage ablehnte. Jetzt wird Hermann aufgerufen. Er packt sein Heft, seine Schultasche. Er schreitet mutig auf die Lehrerrunde zu. In der Mitte vor der Kommis-sion steht ein einsamer Holzstuhl, auf den Hermann sich aber nicht setzt. Er bleibt hinter dem Stuhl stehen und hält sich unauffällig an der Stuhllehne fest. Hermanns Blick geht abwartend in die Runde. Die Studienräte, der Direktor, der Beamte des Kultusministeriums, der Dechant, der Superintendent, sie alle tun sehr beschäftigt, blättern in ihren Akten, mustern Hermann ein wenig, lassen ihn aber vorerst nur warten. Herr Schiller, Hermanns Musiklehrer, der mit in der Prüfungs-kommission sitzt, gibt Hermann ein heimliches Aufmunterungszeichen und erhebt seine Finger zum »Victory«-V. HERMANN. »Freiheit ist der Zweck des Zwanges, wie man eine Rebe bindet, daß sie, statt im Staub zu kriechen, froh sich in die Lüfte windet.« Uber diesen Vers sollte ich sprechen und über Freiheit. Aber ich konnte nicht an einen Gott glauben, der mir einen Kopf gab und mir dann übelnimmt, wenn ich damit denke. Der Direktor fordert Hermann auf, Platz zu nehmen. Jetzt wendet sich der Beamte des Ministeriums an Hermann. PRUFUNGSBEAMTER. Wie kommt es, daß Sie diese schlechte Vorzensur in Religion haben? Ich sehe hier eine Eins in Deutsch, Eins in Musik, Kunsterziehung Eins, alle musischen Fächer Eins, Mathematik, Phy-sik Eins - in Chemie haben Sie eine Zwei-, aber eine Fünf in Religion! Herr Dechant, können Sie mir das erklären? Der Prüfungsbeamte wendet sich fragend an den katholischen Pfarrer, der in seinem schwarzen Rock wie das Gericht Gottes dasitzt. DECHANT. Wir sehen darin keine Glaubensfrage, Herr Regierungsrat. Da können Sie sicher sein. Aber der Schüler Simon wird wohl selbst wissen, warum er in den letzten zwei Jahren die Mitarbeit in Religion verweigert hat. Religion ist ein Fach wie jedes andere. Während dieser aufgebrachten Worte des Dechanten wird es Herrn Schiller, Hermanns Lieblingslehrer, fast schlecht vor Erregung. Her-mann wirkt aber sehr selbstsicher und gefaft. PRUFUNGSBEAMTER. Der Herr Dechant meint, Sie sollen diesen Text mal nach theologischen Gesichtspunkten zu interpretieren versu-chen. Hermann rückt sich in Positur. Er spricht im Tonfall der Uberlegenheit. Er geht die Sache »wissenschaftlich« an. HERMANN. Ich spreche jetzt über »Staub und Kriechen«, »Winden und Binden«. Bei »Staub und Kriechen« denkt der Autor an den Teufel, der wie eine Schlange über den Boden kriecht. . . Ich finde aber, daß das Bild hinkt, weil eine Rebe doch eigentlich gar nicht in den Himmel kommen kann - oder? Hermann hat seinen Faden gefunden. Sein Vortrag wird immer flüssi-ger, immer mehr baut er sich zum brillanten Dialektiker auf und verblüfft seine Lehrer. Herr Schiller atmet auf. Er braucht jetzt eine Entspannungszigarette. Er erhebt sich leise und verläBt den Saal. HERMANN. In dem Text geht es um den Freiheitsbegriff. Ein altes Streitthema unter den Theologen - seit Augustinus. Schon im vierten und fünften Jahrhundert hat man sich über die Prädestination gestrit-ten, über die Vorherbestimmung. Da ist man von dem Gedanken ausgegangen, wenn Gott allmächtig ist und gleichzeitig allwissend, dann weiß er. .. Herr Schiller hört Hermanns Stimme auch noch draußen im Gang. Er raucht am offenen Fenster und erlebt, wie sein Schüler sich durch die Prüfung windet. |
108 Schulaula, Musiksaal |
Die große Aula ist bis auf den letzten Platz gefüllt: Die Schüler der oberen Klassen, die Eltern der Abiturienten und der gesamte Lehrkörper sind zur Abiturfeier gekommen. Uber der Bühne prangt ein Schild mit dem Text »Abitur I960«; auf der Bühne haben das Schulorchester und der Schulchor Aufstellung genommen. Unter rauschendem Applaus hat der Direktor nun Hermann auf die Bühne gebeten.
HERMANN. Ich bestand das Abitur mit einer Eins in Religion. Für diese Note, die der Beamte des Kultusministeriums durchgesetzt hatte, schämte ich mich vor den Kameraden, die in mir den Ketzer und Klassenrevoluzzer sehen wollten. Statt der Abiturrede, die ich im Namen der Kameraden halten sollte, komponierte ich ein Konzert für Klavier, Chor und das Schulorchester. Ich nahm ein Gedicht von Rilke als Vorlage. Heimlich dachte ich dabei an Klärchen, die weinte, als ich ihr diese Verse auf unserem Dachboden einmal vorlas. Hermann hat sich kurz vor seinem Auditorium verbeugt, dann schlägt er seine Partitur auf, gibt dem Chor das Zeichen zum Aufstehen und verständigt sich mit dem ersten Geiger. Das Orchester signalisiert Bereitschaft. Auf der Bühne steht ein Konzertflügel, an dem Hermann nun Platz nimmt. Seine Bewegungen sind fast schon professionell, jedenfalls die eines selbstsicheren Musikers. Aus den Reihen der anderen Abiturien-ten, die unterhalb der Rampe mit den Gesichtern zum Auditorium sitzen, gibt es manch bewundernden Blick für Hermann, der heute seinen großen Tag hat. Hermanns Komposition beginnt mit einem virtuosen Klaviervorspiel, bestehend aus dramatisch-feierlichen Akkorden mit einem jubelnden Lauf über die gesamte Klaviatur. Auf dem Höhepunkt gibt Hermann jetzt dem Orchester das Zeichen, dann dem Chor. Die Mädchen der Schule (unter ihnen auch »Schnüßchen«) hören voll Bewunderung Hermanns »Canto Triumphale«. CHORTEXT. Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister, und bauen dich, du hohes Mittelschiff. Und manchmal kommt ein ernster Hergereister, geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister und zeigt uns zitternd einen neuen Griff . . . Unter den Gästen der Schule sitzt auch Hermanns »Marie-Goot«. Die Patentante vertritt Hermanus Mutter, die nicht zur Abiturfeier erschie-nen ist. Die Marie-Goot ist noch wie die alten Hunsrücker Bauersfrauen gekleidet, mit schwarzem Häkeliäckchen und einer »Chenillehaube«, unter der ein Ohrverband hervorschaut. Mariegoot trägt ihre dicke Kurzsichtigenbrille. Es scheint aber, daß sie trotzdem alles sehr gut hört und sieht. Sie wendet sich stolz an ihre pikierte Nachbarin. MARIE-GOOT. Gell, dat is en scheen Musik! CHORTEXT. . . . Dann ist ein Hallen von den vielen Hämmern und durch die Berge geht es Stoß um Stoß. Erst wenn es dunkelt, lassen wir dich los: Und deine kommenden Konturen dämmern. Gott, du bist groß. Das Musikwerk ist in triumphalen Akkorden zu Ende gegangen. Sofort setzt der begeisterte Applaus ein, in dem Hermann und seine Musiker sich baden. Schnüßchen wendet sich klatschend an ein Mädchen neben ihr. SCHNUSSCHEN. Isch han ihm dat Küssen beigebracht! Sie ist stolz, auch an Hermanns Größe mitgebaut zu haben. Noch einmal läBt Hermann sein Orchester aufstehen, noch einmal rauscht der Beifall empor. Draußen auf dem Gang dreht sich alles um den jungen Komponisten und seinen Auftritt. Der Musiklehrer Schiller paBt Hermann am Ausgang ab. Er präsentiert ihm ein Abschiedsgeschenk. MUSIKLEHRER SCHILLER. Das ist mein Geschenk an dich. Der Lehrer überreicht Hermann einen Stadtplan von München. MUSiKLEHRER SCHILLER. Paß auf, wenn du ihn falsch faltest, fällt alles auseinander. Aber es ist der beste Stadtplan, den es von München gibt. Er paBt genau in deine Manteltasche. Die Mitschüler applaudieren im Hintergrund weiter, verabschieden Hermann durch Zwischenrufe und lassen dem Lehrer kaum Zeit, sein Geschenk in Hermanns Manteltasche zu stecken. |