245 - Dorfstraße in Schabbach



Auf dem Schabbacher Dotfplatz hat sich die ganze Bevölkerung des Dorfes versammelt, um gemeinsam den Geburtstag des Führers zu feiern. Die Hakenkreuzfahnen sind gehisst und das Transparent tront über der Straße. Glasisch kramt mit seinen Händen in einem der Brotkörbe, die die Partei anläßlich der Geburtstagsfeier geschickt hat.

WIEGAND (schreit) Nimm doch dei grind Finger ausm Korb! Also, dat mit dem Hitlerweckn, dat is a gut Idee. Das hätt ich dem Lehrer Pauli nicht zugetraut.

Auch Wilfried, der inzwischen zu einem Knaben von 14 Jahren herangewachsen ist, steht in HJ-Uniform geschniegelt dabei.

WILFRIED Das ist nicht seine Idee. Den Weck gibts heute an vielen Orten, im ganzen Reich.

WIRT Das haste prima gesagt, Wilfried. An vielen Orten! (Zu Wiegand) Der Bub, der schwätzt schon, als wär er in Berlin und net in Schabbach.

WIEGAND Unser Wilfried geht auch nach Berlin. Und vor dem werde mir noch amal Respekt bekomme, wenn er bei der SS was geworde ist.

WILFRIED Vater, ich bitte darüber nicht zu scherzen.

WIEGAND Richtig Wilfried, die nationalen Dinge vertragen kei Witze.

Lucie wirft Eduard einen verträumten Blick zu.

LUCIE Mein Gott, wenn ich an Berlin denke. Junge, des machste goldrichtig. Das ist ne Weltstadt, da weht n´ ganz anderer Wind. Heute mehr denn je. Und vergiß nicht überall da hinzukicken wo ick dir gesagt hab, ja?

EDUARD Und die charitée guck dir an!

Eduard geht zu Ernstchen hinüber, der gerade von einem Wecken abbeißt.

EDUARD Laß mich mal beiße, Ernstchen. (Kommt zurück) Der schmeckt wie früher der Kaiserweck an Kaisers Geburtstag.

WIRT Das ist schon lang her. Zwölf, Fuffzehn Joahr! So lang ham mir schon keinen Kaiser mehr.

WIEGAND Es wurde ja auch Zeit!

WILFRIED (zum Wirt) Uns das glaub mir, der Kaiser kommt nie zurück, und wenn der Kronprinz tausendmal in der Garnisonskirche neben unserem Führer sitzt!

Wiegand klopft seinem Sohn stolz auf die Schultern.

LUCIE Wenn ick an Berlin denke und an den Führer, da fällt mir immer meine alte Frau Mutter ein.

Verwundert über dieses Zusammenhang schaut sie Eduard an.



246 - Hof des Simonhauses



Ernstchen kommt stolz mit seinem Wecken in den Hof gerannt und präsentiert ihn seinem Großvater Mathias, der gerade mit einer Maschine zugange ist.

ERNSTCHEN Guck amol Opa, n´Hitlerweck.

MATHIAS Gell, der schmeckt.

ERNSTCHEN Ja.

Ernstchen läuft zum Wasserhahn, der außen an der Wand neben dem Fenster zur Wohnstube angebracht ist, um einen Schluck Wasser auf den Wecken zu trinken. Vom Wasserhahn weg läuft ein Draht, dem Ernstchen interessiert bis zum Küchenfenster folgt. Drinnen sitzen Maria und Antonchen vor der alten Radioanlage von Paul und Maria steckt konzentriert die Teile zusammen. Da muß Ernstchen natürlich zuschauen und läuft zu den beiden in die Stube. Maria hat einen Kopfhörer auf, so daß sie Ernstchen nicht sofort bemerkt.

MARIA Anton?!

ANTON Hmm?

MARIA Ich glaub, der Paul ist in Amerika! Dei Vater lebt. Und mir zwei dürfe nie aufhöre, daran zu glaube. Versprichste mir dat?

Traurig nickt Anton, während Ernstchen weiter heiter von seinen Hitlerwecken abbeißt.

MARIA Jetzt schließ mer den Lautsprecher an.

Sie nimmt ihre Kopfhörer ab und sofort beginnt ihr Anton zu assistieren und schließt gekonnt den Lautsprecher an das Radio an. Swingmusik ertönt laut und ein Lächeln huscht über Marias Gesicht. Auch Mathias hält draußen für einen kurzen Moment inne.

ANTON Mutter, kommt die Musik aus Amerika?

MARIA Nee, das is Hilversum. Dat is doch der einzige Sender, den mir mit dem Aparat, da herinkriege.

ANTON Hilversum? Ist das weit von hier?

MARIA Nee, dat is net weit! Dat liescht in Holland. Von da aus sind die Leute früher nach Amerika gefahren.

Antonchen schaut traurig zur Seite. Jetzt bemerkt Maria auch ihr Ernstchen, der ihr ein lausbubenhaftes Grinsen schenkt. Auch Maria lächelt ihm liebevoll zu, als Ernstchen plötzlich zum Fenster zeigt.

ERNSTCHEN Mutter!

Glasisch Karl steht am Fenster und bringt eine Einlage in einer Mischung aus Charlie Chaplin und Hitler. Die Hand zum Führergruß ausgestreckt zappelt er den Simons im Takt der Musik etwas vor. Da Mathias ihn bemerkt und auf ihn zusteuert, macht sich Glasisch schnell aus dem Staub.

MATHIAS (verärgert) Du hast ja nur Blei im Kopf, du Lumpes!

Darüber müssen die Kinder lachen, mit welchen Worten Mathias Glasisch vertreibt. Verschmitzt erwidert Mathias ihr Lachen. Man merkt, wie gerne sie sich alle haben.

MARIA Komm Antonchen, mir lesen ein bißchen im Radiobuch.

ANTON (liest laut) "Die mit der Röhre erreichbare Leistung ist in erster Linie abhängig von der Güte des Heizfadens."



247 - Kinderzimmer Anton und Ernst



Maria sitzt bei den Kindern im Zimmer, die bereits ihre Schlafanzüge anhaben und laut ihr Nachtgebet aufsagen.

ANTON und ERNST Abends wenn wir schlafen gehn,

vierzehn Englein mit mir gehn.

Zwei zu meiner Rechten,

zwei zu meiner Linken,

zwei an meinem Kopfe,

zwei zu meinen Füßen,

zwei, die mich decken,

zwei, dich mich wecken,

zwei, die mich führen

in das himmlische Paradies. Amen.

Indem Maria Anton bettet, sagt auch sie noch ein Gebet auf.

MARIA Lieber Gott, mach, daß unser Vater noch am Leben ist, und daß es ihm gut geht, und daß er bald wieder nach Hause kommt. Amen.

Jeder der beiden bekommt noch einen Gutenachtkuß, dann geht Maria aus dem Zimmer.

MARIA Gute Nacht.

Traurig liegt Antonchen noch lange wach.



248 - Wohnung Hans in Bochum



Katharina verweilt jetzt schon im dritten Monat in Bochum. Es ist noch früh am morgen und Katharina schläft noch, als plötzlich die Türe zum Schlafzimmer aufgerissen wird und ein Polizist in die Schlafkammer blickt. Lotti, Hans Enkelin, die mit Katharina in einem Zimmer schläft erwacht von dem Geräusch. erschrickt und weckt sofort Katharina.

LOTTI Tante, Kath, wach auf, da ist jemand.

Noch schlaftrunken dreht sie sich zur Türe.

POLIZIST Und wer sind sie?

Der Polizist macht das Licht an.

KATHARINA Ich bin die Katharina Simon aus Schabbach. Ich bin zu Besuch hier.

Als Katharina aufsteht und in den Wohnraum kommt, sitzt ihre Schwägerin Maria tränenüberströmt und schluchzend auf einem Stuhl. Der Polizist durchsucht die Schränke und stöbert zwischen Tüchern, Teller und Tassen. Fritz`Frau Lilli reißt die Vorhänge auf. Draußen vor der Türe wird ihr Mann gerade auf einen Wagen geladen, auf dem bereits andere Männer sitzen. Sie öffnet das Fenster.

FRITZ Jangt wieder schlafe, Lilli.

Lilli schüttelt nur den Kopf.

POLIZIST Frau Schirmer, nun lasse se doch nicht gleich den Kopf hängen. Ihr Fritz, ich kenn ihn doch von Kindesbeinen an, der ist doch auch nur mitgelaufen wie viele andere auch. Dem passiert bei uns nichts. Wir ham die unblutigste Revolution aller Zeiten gemacht. Ihr Mann kommt nach Mühlheim ins Konzentrationslager zur Umschulung. Da wird ihm der marxistische Geist ausgetrieben und wenn er wieder kommt, dann kennt ihr ihn nicht wieder. Dann ist er frisch und klar im Kopf und wird sich am Nationalen aufbau freudig beteiligen. Wir brauchen doch jeden gutwilligen Mann. Wo kämen wir denn da hin, wenn wir nicht Gnade vor Recht ergehen ließen.

Der Polizist macht noch letzte Untersuchungen, wendet sich nochmals an Lilli und verläßt dann mit seinem Kollegen die Wohnung.

POLIZIST Und noch eins, Frau Schirmer. Glauben sie nicht der Auslandspropaganda. Das Essen ist gut, Sport wird getrieben und jeden Tag Schule. Und nichts für ungut, Frau Schirmer, aber ich muß das machen.

Hans nimmt seine Schwiegertochter, die sich die gesamte Rede des Polizisten stumm angehört hat, tröstend in die Arme. Katharina ist inzwischen zum Fenster gegangen und beobachtet, wie Fritz mit dem Wagen abtransportiert wird.

KATHARINA Wieviel Uhr ist es dann?

HANS Halb sechs.

KATHARINA Da kann ma ja grad Angst kriegen, schlafe zu gehen.



249 - Feldweg nach Simmern



Langsam geht Katharina mit Lotti auf dem staubigen Weg nach Schabbach. Lotti macht einen erschöpften Eindruck. Wie ferngesteuert geht sie still an der Hand von Katharina neben ihr her.