240 - Hof vor dem Simonhaus



Eduard und Glasisch polieren zusammen Lucies Auto. Glasisch Wunden an den Händen sind inzwischen verheilt und nur die Narben zeugen noch von der chemischen Kriegsverletzung. Eduard, der eine NSDAP-Uniform trägt, gibt sich allergrößte Mühe, seine Arbeit gut zu machen. Sorgfältig poliert er Zentimeter für Zentimeter. Glockzieh nutzt einen Moment der Abgelenktheit der beiden, um samt seinem Spazierstock in das Automobil zu steigen.

EDUARD Sechs Zylinder!

GLASISCH Das is n`Auto, hm?

Jetzt bemerken die beiden Glockzieh, der am Steuer sitzt und Trockenübungen am Lenkrad macht, was zur allgemeinen Erheiterung beiträgt.

Lucie, die bei Mathias in der Schmiede steht, entdeckt immer wieder etwas neues, woran sie sich erfreuen kann. Fröhlich wie ein Kind, das eine Maschine bedienen darf, zieht sie an der Kette, die den Blasebalg am Schmiedeofen betätigt.

LUCIE Schön! (Lacht.)

MATHIAS Ja, gut.

Mathias legt ein heißes Stück Eisen auf den Ambos, um einen Eisenbeschlag daraus zu formen. Er zeigt das bunt glühende Metall stolz seiner Schwiegertochter, die seine Mühe mit bewundernden Blicken belohnt.

LUCIE Wat du alles kannst, Schwiegervater.

Mathias beschlägt eine Kuh, während Lucie am Kopf des Tieres steht und mit einem kleinen Stück Holz sanft auf deren Hörner schlägt.

LUCIE Auf Usedom hab ick och schon mal ne Kuh angerührt.

Katharina kommt gut gekleidet mit einem großen Korbbündel aus dem Haus.

GLASISCH Du siehst ja aus, als wolltst du weit wegfahre, Kath! Willst du verreise?

KATHARINA Ja, zu meim Bruder Hans und seiner Frau nach Bochum ins Ruhrgebiet. Der Hans hat morge Geburtstag und ich han ihn doch schon so lang nit mehr gesehn.

GLASISCH Morgen ist doch auch der Geburtstag vom Führer. Hat der Hans wirklich am 20. April Geburtstag?

Katharina nickt zustimmend.

GLASISCH Ich hab noch keinen gesehn, der am 20. April Geburtstag hät. Ei soebbes.

KATHARINA Unser Hans wird morgen sechzig Jahr alt, und wie der gebore worde ist, da gabs den Hitler noch gar nit.

GLASISCH Da willst du verreise, wenn mir ein Veranstaltung han nach der anderen hier? Da versäumst aber was, das sag ich dir.

KATHARINA (überlegt) Mei Bruder steht mir näher wie der Führer.

Das hat Maria gehört, die entsetzt über Katharinas Offenheit herbeieilt.

MARIA Sei Vorsichtig, net so laut!

KATHARINA Ach ist doch wahr. Da Maria, guck emol im Haus nach de Prumbeere, daß se net anbrenne.

MARIA Is gut.

KATHARINA Ich geh jetzt.

MARIA Und en schöne Gruß.

KATHARINA (Zu Lucie und Mathias) Wiedersehn.

MATHIAS Wiedersehn.

LUCIE Machs jut.

Katharina macht sich auf den Weg. Lucie wendet sich an Maria.

LUCIE Ick han ihr angeboten, sie zu fahren. Mutter hab ick gesagt, ick fahr dir nach Koblenz. Nee hat se gesagt, sie wollte nicht.

MARIA (freundlich) Da kennste Mutter schlecht, seit dreißig Jahren geht die zu Fuß auf de Bahnhof. Die ist schon vorm Weltkrieg immer zu Fuß gegange.

LUCIE Ja stammt se denn ausm Ruhrpott?

MARIA Nee, mir ham doch hier im Dorf alle Verwandte im Ruhrgebiet, da kannste hier fragen, wen du willst! Weil nämlich aus dene Familie, wo der Hof die Kinder nimmer ernähre kann viele ins Ruhrgebiet ausgewandert sind.

LUCIE Ach?

MARIA Zum Beispiel im Saargebiet gibts auch viele Hunsrücker.

Lucie ist erstaunt.

GLASISCH Und wer nit ins Ruhrgebiet schaffe gegange is, den ham se hier im Dorf zum Flabbes gemacht.

Glasisch sagt das mit einem Anfluf von Wehmut, den Maria sofort mit einem Scherz zu vertreiben versucht.

MARIA Ach, sei ruhig - du Flabbes.

Alle außer Glasisch können darüber lachen.



241 - Dorfstraße in Schabbach



Angestrengt dirigiert Wiegand die Vorbereitungen für den Führergeburtstag. Ein Transparent soll über die Schabbacher Dorfstraße gespannt werden.

WIEGAND Mach des gut fest, zum Donnerkeil. Du ach da, schlaf net ein. So es hängt gut.

Katharina geht unter dem Transparent hinduch. Es titelt: "Hitler ist ein Columbus"

KATHARINA (liest laut) Hitler ist ein Columbus. (Zu Wiegand) Fährt der dann nach Amerika?

WIEGAND Nee, (enerviert) mir meinen doch dat Ei.

KATHARINA Ach so.

Wiegand wendet sich wieder den Vorbereitungen zu.

WIEGAND Geh Leut, machts doch a bischen schneller! Wilfried, guck doch amol mit! Da drübbe, das hängt doch noch so hoch. Loß doch noch a bisserl runter da! Jo, was glaubst du, wenn das der Gauleiter sieht? Zum Donnerkeil nochmal, paß doch a bisserl uff.



242 - Im Zug nach Bochum



Katharina ist mit dem Zug unterwegs nach Bochum zu ihrem Bruder Hans und seiner Frau Maria. Sie sitzt in einem Großrauwagen mit dem Rücken zu einer Familie, die eine Sitzgruppe hinter ihr Platz genommen hat: Der Vater in NSDAP-Uniform, die junge Mutter und ein etwa acht Jahre alter Junge.

JUNGE (aufgeregt) Mutti, die hellen Lichter, die hellen Lichter.

MUTTER Ja ist das schön. Richard, ist das etwa elektrisch?

VATER Ja, das ist elektrisch.

JUNGE Oh wie hell, wie hell. Wie der Tag.

MUTTER Ist das wunderbar.

VATER Das macht die Elektrizität.

MUTTER Richard, Richard, schau mal. Ist das nicht schön?

JUNGE Vati, Vati, ist das die neue Zeit?

VATER Jawohl, das ist die neue Zeit.

MUTTER Oh Richard, Richard, so etwas schönes. Sieh mal, herrlich.

Auch Katharina will jetzt wissen, was es denn da in der Dunkelheit zu sehen gibt. Als sie aus dem Fenster schaut, erblickt sie das leuchtende Werbeschild der Bayer Chemiewerke in der Ferne.

VATER Schau Wolf, das ist die chemische Industrie. Die wird uns helfen.

Mit einem Schnaufer lehnt Katharina sich wieder zurück in ihren Sitz.



243 - Bochum



Müde von der langen und anstrengenden Reise ist Katharina endlich in Bochum angekommen. Fremd sieht sie aus in der Kulisse der herrschaftlichen Häuser. Suchend schaut sie auf die Hausnummern oberhalb der Türen, wo denn das Haus ihres Bruders sei, bis sie endlich das Haus gefunden hat und im Treppenhaus verschwindet.



244 - Wohnung von Katharinas Bruder Hans in Bochum



Katharina packt ihre mitgebrachten Schätze aus. Selbstgemachtes und Eingewecktes hat sie ihrem Bruder in die Stadt mitgebracht. In der spärlich eingerichteten Wohnung sitzt die Familie am Tisch versammelt, um den Geburtstag von Hans zu feieren.

KATHARINA Das ist Blutwurst, und Leberwurst. Und das sind Mirabelle und das sind Quetsche und das sind Weile.

HANS` KINDER Herzlichen Glückwunsch!

HANS Danke. Sechzig Jahr! Ja, was solls?!

KATHARINA Der Fritz ist von Euch der einzige, der was verdient?

HANS Im Moment ja.

KATHARINA Ich habs geahnt. Hans, glaubs mir doch. Maria, du kannst mirs glauben, ich hans geahnt, daß so was bei euch net stimmt. Vor drei Woche, da bin ich nachts aufgewacht und da hab ichs gewußt. So gehts mir nämlich immer. Ich hatt nur so ein ganz falsche Gedanke im Kop. Ich han nämlich gedacht, dem Fritz gehts schlecht. Und nun sitzt ausgerechnet der da und hat Arbeit.

FRITZ Aber Tant Kath, warum hast denn mich gemeint?

KATHARINA Fritz, du warst doch schon immer so n´schrecklicher Kommunist und hast dei Maul net halten könne.

FRITZ Ich bin doch ruhig, ich sag doch nichts - wo et nichts mehr zu sagen gibt.

Brote mit Katharinas Marmelade werden geschmiert, Wein wird getrunken und man sitzt zusammen. Hans Enkelkind, die Tochter von Fritz überreicht ihrem Großvater eine Tafel, auf der ein Geburtstagsglückwunsch geschrieben steht.

MÄDCHEN Tante, guck mal!

FRITZ` FRAU Fein hast du das gemacht, Lottelchen.

MÄDCHEN Ich geb dem Vogel auch was.

Das Mädchen geht zum Vogelkäfig, um dem Tier mit Kuchenkrümel zu füttern. Katharina und eine ihrer Nichten haben sich beideite gesetzt, um zu stricken.

NICHTE Aber euch aufm Land geht et doch gut. Das merkt man wohl wie du so dasitzt, so rund und gesund. Und dann all die schönen Sachen. Ja ja, die kaufen all Autos auf Pump. Die Neue Zeit.

FRITZ Also mit dem Pump, dat haste gut erkannt, Tante Kath. Nur solang geht es gut, wie alles auf Pump geht. Abwarte und Tee trinken. Und ich han nichts gesagt.

FRITZ` FRAU Aber Fritz, eins mußte doch zugeben: Die Postgebühren sind runtergegangen. Die Miten auch, das Essen ist billiger geworden und die Versicherungsprämien sind auch nicht mehr so hoch. Und allet andere wird auch billiger. Wirste schon sehn!

Fritz beugt sich vor zu Katharina.

FRITZ Für mich ist dat alles nur n`Spuk. Dat is in drei Monat wieder vorbei.

KATHARINA Ich glaub, du hast recht, Fritz. Ich han das auch mal gedacht. So en Gefühl han isch ja net, aber gedacht han ich mirs.

Hans kommt mit einer Flasche Schnaps hinzu.

HANS Also, ich hab hier echten Trester von der Mosel. Walther, ja Walther.

Er schenkt seinem Sohn Walther ein Gläschen voll ein.

MÄDCHEN Onkel Walther, trinkst du den bergauf?

WALTHER Soll ich? Soll ich?

KATHARINA Was meinste denn damit?

HANS Hör auf Walther

FRITZ` FRAU Hör auf.

MÄDCHEN Ihn bergauf trinken mein ich.

Katharinas Nichte flüstert ihr erklärend ins Ohr, wie es das Mädchen meint.

KATHARINA Ach so, ich weiß bescheid.

Sie muß lachen über die Idee. Walther geht in Stellung. Auf ein Kissen macht er einen Kopfstand, um so den Schnaps für seine kleine Nichte "aufwärts" zu trinken.

FRITZ So jetzt zeig mal, was du kannst.

Seine Nichte flöst ihm das Getränk ein.

MÄDCHEN Siehste, er trinkt bergauf.

Alle lachen und applaudieren ihm begeistert zu.