235 - Straße nach Schabbach |
Wiegand, der jetzt ein Hitlerbärtchen trägt, hält seinen Wagen in der Höhe von Mathias, der noch immer mit Feldarbeit beschäftigt ist. Wiegand ruft ihm zu.
WIEGAND Mathias, mir ham das berliner Auto gesehen. Komm beeil dich! Fahr heim! Wir fahren schon mal vor, gell. Mathias treibt seine Ochsen mit dem Jauchewagen sofort hinter Wiegands Auto her nach Hause. |
236 - Hof des Simonhauses |
Wiegand fährt seinen Wagen in den Hof der Simons, der durch das jetzt dritte parkende Auto sehr eng geworden ist.
Einige Schabbacher und viele Kinder, einige davon in Hitler-Jugend-Uniformen, haben sich dort versammelt um sich die fremden Autos anzusehen. Spontan beginnt Wiegand eine Ansprache zu halten.
WIEGAND Also, vor genau drei Monaten hätte mir das all net für möglich gehalte. Eine neue Zeit ist angebroche. Das sehen wir hier mit unseren eigenen Augen. Und aus eigener Kraft machen wir das alles. Denn ich bin aus Schabbach (klopft auf Eduards und Lucie Auto) und der ist aus Schabbach (haut dann auf Roberts Auto) und dem sei Frau do ist auch aus Schabbach. Er wendet sich an seinen Sohn, der ebenfalls eine HJ-Uniform trägt. WIEGAND Wilfried, merk dir das amol. Ich muß dem Eduard sagen, daß er sei Auto ummelde muß, der kriegt jetzt a Schabbacher Nummer. WILFRIED Jawohl! SCHABBACHERIN So en Flabbes. WILFRIED Und übrigens (strahlt übers ganze Gesicht), übernächste Freitag hat unser Führer Adolf Hitler seinen ersten Geburtstag als Reichskanzler. (Belehrend) Merkt euch das! |
237 - Wohnstube Simonhaus |
Eduard zeigt seinen interessierten Familienmitgliedern seine lange Operations- narbe.
EDUARD Das ist eine Narbe, die geht von dahinte, bis ganz nach - bis hierhin. Wiegand platzt herein. WIEGAND Katharina! Übernächsten Freitag am 20. April, da erlebe mer was in Schabbach, sowas haste noch net gesehn! KATHARINA Ja, ja. Es kimmt eins aufs andere. WIEGAND Und übrigens ware mir die Waren so billig angebote, daß es deiriger is, sie selber zu mache. EDUARD Und der selbe Mann, der der Leibarzt vom alten Hindenburg ist, hat morgens an meinem Bett gestanden und hat mir die Hand gedrückt und gesagt: "Bruder Hein war schon im Zimmer, aber wir zwei haben ihn bezwungen." ROBERT Und du bist wieder ganz aufm Damm, Eduard? EDUARD Na guck mich doch an! Pauline flüstert ihm, indem sie Lucie betrachtet zu. PAULINE Das ist ein schön Mädchen, dein Frau. EDUARD Vor allem, sie ist aus den besten Kreisen. Darauf müsst ihr Rücksicht nehme. WIEGAND Sag amal, Eduard, hast du das alles miterlebt in der Reichshauptstadt? Von Angesicht zu Angesicht? EDUARD Ja. Na ja. WIEGAND Ja dann erzähl doch mal a bißchen ebbes. EDUARD Weißt du, direkt, das sieht man ja net. Man liest des mehr in der Zeitung. WIEGAND Und, äh, den Füherer hast du net gesehn? EDUARD Direkt net. Nä. WIEGAND So, also host du von der nationale Revolution gar nichts mitbekommen? EDUARD Ja, am 30. Januar, da wars auf einmal so hell in meinem Zimmer, das muß von dem Fackelzug gewesen sein. (zögert) Aber ich han grad geschlafe. WIEGAND (zynisch) Ach so? Geschlafe host du? EDUARD Na ja, net grad geschlafe, aber (schaut zu Lucie) müd war ich schon. Wiegand versteht. LUCIE Also, aus Berlin kommste ja so ohne weiteres nicht raus. Überall kontrollieren se dir, ob de nun mit der Eisenbahn fährst oder wie wir mit dem Automobil reisen tust. Ick hab et erlebt. Wir standen bei Hallensee in der Schlange, von wegen der Kontrolle und so, soll ick euch sagen, wer da drei Autos vor uns steht? Eduard spricht die Namen synchron zu Lucie mit. LUCIE Der Maxe Schmeling und die Ali Ondra. Das erntet Interesse und Bewunderung. MARIA Der Schmeling und die Ondra? Davon ham mer doch in der Zeitung gelese, die solle ja a so glücklich Ehepaar geworde sin. LUCIE Und der SchuPo hat nur die Hand an die Mütze gelegt und der Schmeling hat ihm seinen Ausweis gezeigt. Und die Ondra hatte nen elfenbeinfarbenen Hosenanzug - so so gerafft in der Taille, aber nicht etwa auffällig, ne ne, durch und durch solide. (Lachend zu Eduard) Die sind behandelt worden so wie wir, wa? Und wie jeder andere in der ganzen Autoschlange. Die Türe öffnet sich und herein tritt Mathias. KATHARINA Mathias, mir ham schon gegesse. Komm setz´ dich hin und iß! Mathias steuert auf seine neue Schwiegertochter zu und drückt fest Lucies Hand. Der feste Händedruck imponiert Lucie. MATHIAS Erst wasch ich mir mol mei Händ, und wenn se wolle, könne se sich auch wasche. Isch han grad Jauche an der Händ. Freundlich lacht Lucie über Eduards Direktheit und schnuppert sogar an ihren Händen. LUCIE Ach, dat is die gute Landluft. Das riech ich gern. Ein herzhaftes Lachen geht durch die Runde. WIEGAND Mathias, wenn se das so gernd riecht, dann nimm se doch mal richtig in de Arm, dei Schwiegertochter. Mathias drückt Lucie an sich. Eduard lacht entspannt. Lucie ist in den Familienkreis aufgenommen. |
238 - Schlafkammer Mathias und Katharina |
Auf Zehenspitzen schleichen Lucie und Eduard durchs Elternschlafzimmer in ihre Kammer, vorbei am Bett von Mathias und Katharina, die scheinbar schlafen. Sobald Eduard und Lucie in ihrer Kammer verschwunden sind und die Türe hinter sich geschlossen haben, dreht Katharina ihren Kopf zu Eduard.
KATHARINA Mann Mathias, drei Autos vor der Haustür. Und was die alles noch haben, und alles auf Pump. Ich han das Gefühl, die ganze Welt lebt nur von Pump. MATHIAS Komm, geh, schlaf Frau. KATHARINA Eines Tages, da müsse mer das alles bezahle. |
239 - Schlafkammer Eduard und Lucie |
Obwohl es schon tief in der Nacht ist, brennt noch immer Licht in der winzigen Kammer des jungen Paares.
Ganz vertieft in ihr Liebesspiel, stöhnt Lucie lauter, als daß es im Haus ungehört bleiben könnte.
EDUARD Psst! Lucie! Sei doch still, Lucie! Das ganze Haus spitzt die Ohren. LUCIE Du mußt dat alles hier vergessen, Eduard. EDUARD (mahnend) Mir sind hier net in Berlin. LUCIE Hier ist jetzt Berlin. Die ganze Gegend hat nur auf dir gewartet. Wenn du willst Eduard, hört hier bald alles nur auf dir. Ick hab et gemerkt. Eduard hilft ihr das Oberteil auszuziehen. Nackt beugt Lucie sich über ihn. LUCIE Da fällt mir grad wat ein. Der Jauleiter Simon in Koblenz, mit dem bist du doch verwandt, oder? EDUARD Wie kommst denn darauf? LUCIE Simon ist Simon und Koblenz ist nicht weit von hier. Und ihr aufm Land, ihr seid doch alle verwandt miteinander. EDUARD Nein Lucie, mit dem sind wir net verwandt, bestimmt net. LUCIE Laß mir det mal machen. Ick kenn mich da aus. Ick heiß doch jetzt auch Simon. EDUARD Da kannst doch nit einfach hin zu dem. LUCIE (Verträumt) Paß mal uff, Edu, in zwe Jahren, da ham wir ne Villa. Dat schwör ick dir! EDUARD Hier in Schabbach? LUCIE Warum nicht? Oder im nächst größeren Ort. Det Revier hier, Edu, dat ist noch unschuldig. Hier ist noch nischt geloofen. Aber wenn ick hier wat zum loofen bringe, dann looft hier auch wat. EDUARD Lucie, du machst mir ja richtig Angst. LUCIE Nee. Du hast mir Angst gemacht aufm Herweg. Aber jetzt bin ick ganz fröhlich. Komm, komm, faß mer mal ans Herz. Eduard legt seine Hand an ihren Busen. Lucie könnte immer so liegen bleiben und atmet durch. |