165 - Scheune



Als Wiegand mit den Polizisten bei der Scheune ankommen, dämmert es bereits. Paul steht noch immer, die Leiche bewachend am Scheuneneingang.

WIEGAND (zu den Polizisten) Das ist zwar mei Schuppen, aber ich han mit der Leich nichts zu tun. Es war doch net mei Entscheidung, die Leich vom Fundort wegzutrage.

Der Kriminalbeamte geht zielstrebig auf Paul zu. Mit seinem Finger zeigt er fragend auf ihn.

KRIMINALBEAMTER Und wer sind sie?

WIEGAND Das ist mei Schwiegersohn, der war mit den anderen Leut im Wald bei der Frohnarbeit und hat se dort gefunde.

KRIMINALBEAMTER (zu Paul) Dann kommen sie mal mit zum Wagen!

Wiegand wirft jetzt auch einen Blick in seinen Schuppen auf die tote Frau. Der Kriminalbeamte diktiert einem Polizisten)

KRIMINALBEAMTER Wir nehmen zu Protokoll. (Zum Polizisten) Fertig? POLIZIST Jawohl!

KRIMINALBEAMTER Heute am 26. Mai 1928, gegen dreizehn Uhr...

Wiegand geht zurück zu seinem Pferd.

WIEGAND Also mich brauchen se jetzt nit mehr. Ich reite jetzt heim, mir ist kalt!



166 - Dorfstraße in Schabbach



Schabbach ist in Aufruhr. Polizisten streifen mit Hunden durch das Dorf. Jeder wird von den Kriminalbeamten befragt, wo er wann gewesen ist und warum und wieso. Zielstrebig geht der Kriminalbeamte auf einen Dorfbewohner zu. Die Mutter stellt sich sogleich schützend vor ihren Sohn.

KRIMINALBEAMTER Wo waren sie am 26. Mai gegen Mittag?

MUTTER Mein Sohn, der hat nichts mit der Leiche zu tun. Überhaupt nichts.

KRIMINALBEAMTER Gute Frau, ich hab nicht sie gefragt, ich hab ihren Sohn gefragt. Also nochmal von vorne: Wo waren sie an dem besagten Tag.

Der Befragte zuckt nur mit den Schultern. Ein anderer Dorfbewohner hat sich hinzugesellt und stichelt über die Arbeit der Beamten.

DORFBEWOHNER Da sehen sie die Polizei. Der einzige, der im Ort dafür in Frage kommt, und da gehen sie nicht hin.

KRIMINALBEAMTER Wen meinen sie?

DORFBEWOHNER Ich sage nichts, das müssen sie selber rausfinden. Können sie rst einmal die Beteiligte kontrolliere, und dann werden sie schon sehen.

Der Kriminalbeamte wendet sich ab, um einem Polizist etwas zu diktieren, als Glasisch sich dazustellt.

GLASISCH Mir habe hier in Schabbach vor sechs Tage den Reichstag gewählt. Von unsere hundertzwanzig Wahlberechtigten han 74 s´Zentrum gewählt, 26 han die Nationalpartei gewählt und sechs Lieberale.

DORFBEWOHNER Und trotzdem haben se ein Linksbündnis nit verhindern könne. GLASISCH Und dann habe mer noch zwei einsame Sozis. Aber weil einer von denen zwo seit einer Woche in Simmern im Krankenhaus liegt, kommt nur der in Frage, den er meint. Könne se mer folge?

Jetzt beginnen die Polizeihunde zu kläffen, weil sich der Schäferhund von Hänschen Betz´ sein Revier verteidigend dem Zaun nähert, an dem die Unterredung stattfindet. Hänschen Betz steht belustigt neben seinem Vater und beobachtet die gespannte Situation.

KRIMINALBEAMTER (zu Betz) Rufen sie gefälligst ihre Hunde zurück. BETZ Wenn sie ihre zurückrufe, ruf ich auch meine zurück.

KRIMINALBEAMTER (zu einem Polizisten) Rufen sie die Hunde zurück! POLIZIST Die kann ich net zurücknehme, die sprechen auf die Hunde des Gegners an.

BETZ Mei Hund, sind einfache Zierhund und die sind auch andere Gerüche gewöhnt. Wo han sie dann ihr Hund untergebracht? Die rieche ja! Und das rieche mei Hund, das die Rieche!

Jetzt fühlt sich der Kriminalbeamte von Betz persönlich angegriffen und verteidigt die Polizeihunde beleidigt.

KRIMINALBEAMTER Unsere Hunde riechen nicht! Das weis´ ich schärfstens zurück. Merken sie sich das!

BETZ Und trotzdem rieche se. Dat riecht man doch, daß se rieche.

Er ruft seine Hunde nicht zurück, setzt sich wieder an seinen Arbeitsplatz und bindet weiter Körbe. Die Polizisten und Kriminalbeamten ziehen mit den Hunden ab.



167 - Schlafzimmer Paul und Maria



Als Paul das Schlafzimmer betritt ist es schon mitten in der Nacht. Maria liegt schlafend im Bett, ebenso die Kinder Anton und Ernst. Paul entkleidet sich leise. Der Anblick seiner Kinder, die so unschuldig im Schlaf liegen, zeichnet ein Lächeln in sein Gesicht. Vorsichtig und bemüht Maria nicht aufzuwecken steigt er ins Ehebett. Über Marias Hand läuft eine Fliege. Paul hat das Bild der toten Frau wieder vor sich, wie sie da lag auf der Barre. An der Schlafzimmerwand hängt ein kitschiges Bild einer toten Frau, die von Engeln heimgesucht wird, die ihr das weiße Totengewand entgegenfliegen. Jetzt schläft auch Paul ein, seinen Kopf an Marias Schulter gelegt. Plötzlich durchdringt ein lautes Geräusch die Stille der Nacht. Maria schnellt im Bett hoch.

MARIA Wat war dat Paul?

Paul erwacht nicht sofort. Maria schüttelt ihn. Das Vieh im Stall muht aufgeregt.

MARIA Paul! Da ist jemand im Haus.

PAUL Ich geh mal gucke. (Er entzündet eine Öllampe)

MARIA Isch han seit Tagen schon das Gefühl, daß nachts einer im Haus ist.

PAUL Mach den Ernst nit wach! Schlaf weiter.

Maria gegenüber versucht er den Anschein der Gelassenheit zu simulieren, obwohl er doch etwas nervös ist, als er vorsichtig auf den Dachboden steigt, wo ein lautes Schlaggeräusch zu hören ist. Mathias steht im Nachthemd auf dem Dachboden und wirft Gegegenstände aus dem Fenster.

MATHIAS Du Lump, du Lump!

PAUL Vater?

MATHIAS Da kimmt der Marder doch tatsächlich bis auf de Speicher hoch. Und grad

han isch ihn noch gesehn, den Knüppel nachgeworft - und weg war er. Und hier hot er seine Stempel hinterlosse.

Mathias hält Paul etwas haariges hin.

MATHIAS So sieht der Pfoot von einem Marder aus. PAUL Mir stelle morgen eine Fall auf, die mach ich in der Schmied.

Nach wie vor schreihen die Kühe im Stall aufgeregt.

MATHIAS Ich geh mal runter, dat Vieh beruhige.

Jetzt erst sieht Paul wieder seine alte Radioanlage, die vergessen und verstaubt noch immer auf einem Tisch am Dachboden steht.



168 - Hof Simonhaus



Über den ganzen Hof verstreut liegen die Federn und Kadaver der vom Marder gerissenen Hühner. Großmutter Katharina erklärt Marias Kindern, was passiert ist.

KATHARINA Der böse Marder, der hat uns ja jetzt da die Hühner gerissen. So was! Hat die tot gebissen.

Verängstigt schauen die Kinder auf die toten Tiere.



169 - Schmiede



Paul hat die Marderfalle gebaut: eine schwere Eisenfalle, die durch eine Feder gespannt wird. Paul versucht die Falle zu aktivieren und muß seine ganze Kraft einsetzen, um die Eisenflügel zu spannen. Mathias kommt hinzu.

PAUL Helft mer mol, Vater.

MATHIAS Die drei schönste Leerkornhühner hat er uns gerisse, der Marder, der Lumpes.

Paul nimmt eine Feder der gerissenen Hühner, um die Falle zu testen und hält sie demonstrativ über die Falle.

PAUL Aber so, kriegen wir ihn.

Paul läßt die Feder los, und sobald der leichte Federschaft die Falle berührt schnappt diese auch schon zu. Paul nimmt die Marderfalle und sie gehen ins Freie, um sie aufzustellen.