106 - Wohnstube Haus Simon |
Der Fliegenfänger hängt ebenso klebrig mit allerlei Insekten von der selben Stelle der Decke wie eh zuvor. In der kleinen Wohnstube des Simonhauses schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Nichts erwckte den Anschein, daß sich etwas, seitdem Paul in den Krieg gezogen war, verändert hatte. Eduard, der ältere der drei Simon Geschwister sitzt an seinem Platz am Fenster, den er seiner Lungenkrankheit wegen eigentlich meiden sollte. Der eingeheizte Ofen, bedeckt mit riesigen Kochtöpfen, die Paul als Kind wie riesige Badewannen vorkamen, brodeln vor sich hin.
Paul starrt gedankenverloren auf den Fliegenfänger, während Pauline, seine jüngere Schwester und Katharina, mit Herz dabei sind, ihrem Paul ein Essen zu bereiten. Milch wird ihm in einen Teller geschänkt und Pauline schneidet ihm ein besonders dickes Stück Brot ab. Paul scheint das Essen nicht zu interessieren. Katharina muß ihm den Löffel in die Hand drücken. Apetitlos wirft Paul einen Blick auf das einfache Mahl. Katharina wendet sich etwas enttäuscht an Pauline.
KATHARINA Pauline, komm! Die heben einen mit gekochten Kartoffeln gefüllten Trog vom Herd auf den Boden. Im Hinstellen bemerkt Katharina Eduard, der nach wie vor am offenen Fenster sitzt. KATHARINA (besorgt) Eduard, dei Lung! Du sitzt ja schon wieder am Fenster. Eduard schaukelt zeitungslesend mit seinem Stuhl unbeeindruckt weiter, während Mathias, der händewaschend neben ihm steht, das Fenster unkommentiert schließt, um zu vermeiden, daß Katharina sich weiter aufregt. KATHARINA Du wirst noch mit deinem Stuhl umfalle! Zappel doch net so! Erklärend ruft sie in Pauls Richtung, der noch immer still am Tisch sitzt. KATHARINA Wo er doch so aufpasse muß auf sei Gesundheit. Katharina und Pauline tragen den Trog jetzt weiter in Richtung Fenster. KATHARINA Eduard, komm weg vom Fenster. Du holst dir noch den Tod auf deiner Brust! Gestört beim Zeitungslesen, steht Eduard, noch immer vertieft in einen Artikel, auf und setzt sich ans andere Ende des Raums, wo er ein anderes Fenster öffnet. Paul scheint mit seien Gedanken weit weg zu sein. Mit geschlossenen Augen hört er sich geduldig die belanglosen Erzählungen seiner Familienangörigen an. Jetzt würde man ihm alles erzählen, vor keiner peinlichen Einzelheit, vor keinem noch so kleinen Ereignis würde man ihn verschonen. Für jeden war Paul jetzt wieder daheim. PAULINE (bewundernd) Wiegand hat seit vierzehn Tag ein Motorad. KATHARINA Mit nem Sack Krumbeere hat er`s bezahlt. Wiegand fährt in diesem Augenblick vor Eduards Fenster vorbei. EDUARD Wie die Katze auf`m Schleifstein, sitzt er, der Wiegand auf seinem Motorrad. Auch Mathias stimmt jetzt in das Gespräch mit ein. MATHIAS Und gestern is er mir beinah über die Füß gefahre. KATHARINA Ach, übertreib doch net! MATHIAS Ja, dat is wahr, er ist mir auch bald drübergefahre. KATHARINA Komm, halt´s Maul. MATHIAS Ja, bei dir soll man ja immer ruhig sein. Pauline bemerkt Pauls Abwesenheit und kommentiert seine Apettitlosigkeit etwas zynisch. PAULINE Paul, haben dir die Frazose in Frankreich soviel zum Esse gegebe, daß du bei uns keinen Hunger mehr hast? Paul antwortet nur, indem er die Augen senkt. EDUARD (lachend) Hahaha, ei so ebbes! (Liest laut aus der Zeitung vor) In London verlief der 1. Mai so gut wie unbemerkt, nee, nee. Marie-Goot, Katharinas Schwester und ihr Mann Mäthes-Pat kommen zur Tür herein. Sofort läuft Marie-Goot zu Paul hin. MARIE-GOOT Ei, Paul, ei, Paul, daß du noch am Leben bist. (Sie klopft ihm tapsig auf die Schultern.) Kaum zu glaube. Nee, nee, Paul. EDUARD A stark Stück is dat! MÄTHES-PAT Kaum zu glaube. EDUARD Jede Anhäufung von Pferdedung oder Kuhmist in den von amerikanischen oder französisch besetzten Ortschaften muß vor dem 1. Mai 1919 weggeschafft werden. Der Dünger ist mindestens zweimal die Woche zu entfernen und muß auf die Felder geschafft werden, die mindestens tausend Meter außerhalb der Ortsgrenzen sein müssen. (kopfschüttelnd) Die honn sie net mehr all! MARIE-GOOT Dem Paul sei Händ, die sind so weiß. Nee, nee! KATHARINA Der Paul hat immer so schmale, weiße Händ gehabt. Weißt du das denn net mehr? MARIE-GOOT Ich dachte, wenn man im Krieg war und wieder heimkommt, hat man andere Händ. Marie-Goot greift nach Pauls Händen, die einen Boxbeutel umklammern. Fremd und eingezwängt sitzt er zwischen den Famielienmitgliedern. MÄTHES-PAT Laß doch dem Paul sei Händ! Paul setzt an zum Trinken, wird von Mäthes-Pat aber wieder daran gehindert. MÄTHES-PAT Net war, Paul? KATHARINA (sich die Hände an einem Lumpen abwischend) Ich habs jedenfalls immer gewußt, daß er wiederkommt, der Paul. PAULINE Und da sitzt er jetzt. Paul versteht nicht mehr, was er denn in der Ferne so vermißt hatte. Jetzt wo er daheim war, konnte er sich einfach nicht mehr daran erinnern. KATHARINA (zu Marie-Goot) Wie der Paul in Frankreich war, und sieben Monat keine Post kam, da hab ich nachts unter meinem Fester seine Schritte gehört. Und da hab ich gewußt, daß er noch am Leben ist. EDUARD (Weiter lesend) In München honn die Spartakisten, die Fahrgäste der Straßebahn ausgeplündert. PAULINE Gott sei Dank, daß wir in Schabbach keine Straßenbahn han. MARIE-GOOT Ich fahr in meinem ganze Leben net in die Stadt. Mäthes-Pat wendet sich an Paul. Auch die anderen lauschen seiner Erzählung. MÄTHES-PAT Ich weiß noch ganz genau wie die Mobilmachung war. Wir waren auf´m Feld und honn Korn gemäht. Und da hat der Glockzieh die Glock geläut, und der Post-Willi, der hat die Post ausgetrage, en Plakat honn sie angenagelt, wir sind noch durchs Dorf gerannt, weil wir dachten, es tät brenne, und da war se ausgebrochen, die Mobilmachung. EDUARD (Mit dem erhobenen Zeigefinger) Und die Toten stehen nicht wieder auf. MARIE-GOOT Du hast gut schwätze, Eduard! Katharina nimmt Eduard sofort in Schutz. KATHARINA Der Jung hat`s auf der Lung, das weißt Du doch ganz genau, Goot. Pauline stimmt, die Kartoffel knetend, in die Rede der Mutter mit ein. PAULINE (rotzig) Und schriftlich hat er`s, von der Musterungskommision. EDUARD (verträumt) Ich wär gern Flieger geworden. Marie-Goot bemerkt, daß es vor dem Fenster etwas zu sehen gibt. Neugierig lehnt sie sich an Eduard vorbei aus dem Fenster. Unten auf der Straße geht Maria zusammen mit Apollonia am Simonhaus vorbei. MARIE-GOOT Ha, dat eine hat`s Geld, und das andere ist hübsch. Aber so schwarz wie das ist, dat könnt direkt von ´nem Zigeuner sein. Marie-Goots Lästerei über die "schwarze Frau" erweckt jetzt auch Pauls Aufmerksamkeit. Mäthes-Pat bemerkt Pauls plötzliches Interesse. MÄTHES-PAT Ach, das kennste net, Paul. Dat is dat Apollonia aus Dickenschied, die is hier in Stellung gegange. Wegen dem Legrands Helmut. MARIE-GOOT (erklärt Paul) Die Lumpesammler von der Schißbach, die sind nach Dickenschied gezoge, und da hat sie jemand angenomme. (zu den anderen) Und es is doch en Zigeunerkind! Paul starrt weiter in seinen Teller, während Katharina und Pauline weiter ihrer Arbeit nachgehen und der Rest der Familie sich weiter über Apollonia äußert. MÄTHES-PAT Marie, das kannste doch net sage, dat weiß doch keiner ganz genau. MARIE-GOOT Aber.. PAULINE Und jetzt ist sie oben beim Lindenwirt in Stellung. MARIE-GOOT Aber daß die Wiegands Maria mit so einer Freundschaft hat, und daß der anständige Legrands Helmut so etwas heirate wollt, (haut mit der Hand auf den Tisch) die hat den bestimmt verhext. EDUARD Und jetzt liegt er schon zwei Jahre am Weichselboge, und ist tot. In Woppert, han wir einen Flieger gehabt, der Rudi Molz. Der hat noch vierzehn Feinde im letzten Kriegsjahr abgeschosse. MARIE-GOOT Und jetzt liegt er am Boden und ist net mehr. EDUARD Die Flieger, wenn die runterstürze, die leide net... KATHARINA Eduard, red net. EDUARD ... die sind wie hypnotisiert, wenn die in den Bode reinfahre. Die denken vielleicht an das schöne Stückche Gras, dat sie ruiniere. Aber an sich denken die net. Eduard setzt sich wieder ans Fenster, und schaut, den Stuhl an das Fensterbrett gelehnt, hoch zum Himmel. EDUARD (pathetisch) Die Flieger sind die wahren Helden! Glockzieh betritt in Begleitung von Legrands Kath die Wohnstube. Glockzieh geht direkt auf Paul zu. GLOCKZIEH Ich honn ihn doch gleich erkannt. Das is ja der Simons Paul. Glockzieh reicht Paul die Hand, kommt aber an ihn nicht ran, so daß er näher an ihn herantreten muß. Geduldig streckt Paul ihm auch seine Hand entgegen. FRAU LEGRAND Paul, daß du wieder da bist, wo doch mein Helmut in Rußland gebliebe is. Weißt du es schon? Stumm schüttelt Paul seinen Kopf. Glockzieh und Frau Wegrand nehmen Platz. GLOCKZIEH Paulinche, die Gläser... Eduard wirft wieder einen Satzfetzen aus der Zeitung in den Raum. EDUARD In Rußland honn se wieder vier Großfürste erschosse. Vier Stück auf einmal. Und vorher honn sie sich nackisch ausziehe müsse. MARIE-GOOT (empört) Was, nackisch? Sofort eilt sie zu Eduard, um seinen Bericht zu überprüfen. MARIE-GOOT Wo? Empört schüttelt sie den Kopf, dabei sieht sie draußen Glasisch, der im vorbeigehen auch kurz zum Fenster heraufsieht. MARIE-GOOT Den Glasisch-Karl, den hat sie auch auf´m Gewisse, die Apollonia,die Hex´. Nicht genug, daß er sich de Hautkrankheit mitgebracht hat aus`m Krieg von dem Giftgas, jetzt verdreht sie ihm auch noch den Kopf und hält ihn sich vom Leib. Ja, und da hat er`s Saufen angefangen. KATHARINA Marie-Goot, sei doch still! (Sie sieht Eduard am Fenster) Und Eduard, zappel net so mit dem Stuhl herum! MARIE-GOOT: Aber es is doch wahr. Das hat nur das Unglück von de Männer im Kopf, das schwarz Mensch. PAULINE Das Apollonia will den Glasisch net, weil der den Ausschlag hat, und nix anderes. EDUARD Den hat er vom Gelbkreuz in Flandern zurückbehalte. (Zu Paul) Hast du auch mal im Gas gestande, Paul? Glasisch platzt mit Neuigkeiten zur Türe herein. GLASISCH Die Stadtleute waren grad da, zu Fuß und mit den Rucksäcken und wollte was zum esse honn, aber der Wiegand hat sie zum Teufel gejagt. PAULINE Mir haben immer ebbes zum essen gehabt, sag das dem Paul, Mutter. MÄTHES-PAT Die Franzosen wolle uns aushungere. PAULINE Wir sind hier auf dem Land. Glasisch hat nun Paul entdeckt und steuert mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. Auch Paul erhebt sich, hebt seine Hand aber nicht Glasisch zum Gruß hin, sondern befreit eine noch lebendige Fliege vor ihrem sicheren Tod an der klebrigen Insektenfalle. Alles im Raum hält für Sekunden den Atem an. Aufmerksam sieht die Versammlung Paul dabei zu. Als Paul die Fliege losläßt, und sie entflieht, ist er erschrocken davon, daß sie überhaupt noch fliegen kann. Melancholisch sieht er ihr nach. Dann entdeckt Paul den einäuigen Jungen Hänschen Betz am Fenster, der neugierig ins Innere der Stube schaut. Paul sieht lächelnd zu dem Außenseiter hinaus. MÄTHES-PAT Franzos, Franzos, jetzt gibts was auf die Hos! (Er lacht zynisch) MATHIAS So han wir gesagt und han se selber gekriegt. MÄTHES-PAT Wie die Franzose uns besetzt hatten, da habe die ihr Pferde in die Kirche reingestellt. MARIA-GOOT (bestätigend) In die Kirch! GLASISCH Da haben wir in Flandern ganz andere Stückelcher gemacht. Paul wird immer gedankenverlorener. Wo war er denn jetzt? Wie konnte er all das nur vermißt haben in der Fremde. MÄTHES-PAT Bei uns ist so ein Franzos auf den Hof gekomme, der is immer da rumgelaufen, hat nach de Hinkel geguckt, und dann hat er gerufe : "Los, los, Huhn, Huhn, und dabei hat er sich mit dem Stöckelche an den Stiefel geklopft. GLOCKZIEH Und dann kamen die Amerikaner. KATHARINA Die waren anständiger. PAULINE Die haben den Mädchen net hinterhergepiffe. GLASISCH Wenn die dicke Berta in die Dörfer reingeschosse hat, das hat ein Krach gegeben... Alle Männer mit Außnahme Pauls stoßen mit Schnaps an. GLASISCH ... wir mußten jedesmal die Zeltpflöck tiefer in den Buden reinhaue, so hat alles gezittert. EDUARD Das deutsche Heer war nicht geschlagen, aber seine Kräfte schwanden dahin. FRAU WEGRAND (ihren gefallenen Sohn verteidigend) Mein Heilmut hat in keine Dörfer reingeschosse, mein Helmut net. EDUARD Und erst die Flieger mit ihren Bombe. GLOCKZIEH (Mit einem Glas Schnaps in der Hand) Mir hatten `ne gute, gute Waffentechnik. Jetzt bemerkt auch Glasisch Hänschen Betz am Fenster. Für einige Zeit wird es still in der Stube. Glasisch fragt in den Raum hinein. GLASISCH Was hat`n der Jung mit seinem Auge gemacht? KATHARINA Dat is Korbmacher`s Hänsche. GLASISCH Ach der, den kenn ich noch, als der so klein war. (Zeigt.) Pauline und Katharina tragen den Kartoffeltrog in die Speiseklammer hinaus. PAULINE (im Gehen) Dem hat sein Bruder bei der Kommunionsfeier das Auge ausgestochen mit der Gabel. GLASISCH Mit der Gabel? KATHARINA Mit der Gabel! GLASISCH Beim Essen? KATHARINA Beim Essen! PAULINE Ja, beim Essen! EDUARD (wieder aus der Zeitung vortragend) Da honn zwei Männer in Rhaunen den Apotheker Hartmann erschlagen. Daraufhin springt Marie-Good auf und eilt zu Eduard hin, um sich erneut von der Wahrheit zu überzeugen. MARIE-GOOD Was? Bei dem honn ich doch in der letzte Woche noch meine Herztropfen geholt. EDUARD (ließt vor) Raubmord in Rhaunen! Da der Apotheker Hartmann fast sein ganzes Geld in Kriegsanleihen angelegt hat, kann die Beute nicht den Erwartungen, welche die Verbrecher gehegt haben, entsprechen. MARIE-GOOD Ich honn noch in der letzte Woche in Rhaunen die Zigeuner gesehen. EDUARD (weiter) Unter dringendem Tatverdacht wurden zwei Hausierer festgenommen. MARIE-GOOD Ich honn`s doch gewußt. Ich honn`s doch gewußt. MÄTHES-PAT Steht was drin, wie er gestorbe is? EDUARD (liest) Einer der Verbrecher würgte dann weiter am Halse des Hartmann, während der zweite mit einem schweren Gegenstande dem auf dem Boden Liegenden auf den Schädel einschlug und insbesondere durch Zertrümmerung der Schläfe den alsbaldigen Tod herbeiführte. Paul scheint es so als würde er seinen gefallenen Freund Helmut Legrand im Zimmer stehen sehen. HELMUT LEGRAND Tag Paul. siehst Du mein weiß` Gewand? MÄTHES-PAT ... die Schädeldeck eingeschlage. HELMUT LEGRAND Ich honn en weiß` Gewand wie ein Engelche. Alle Soldaten kommen in den Himmel und kriegen ein weiß` Gewand. Glasisch hält Paul seine durch den Ausschlag gezeichneten Hände hin. Pauls Konzentration aber liegt auf der geisterhaften Erscheinung Helmut Legrands. Mit weit aufgerissenen Augen, den Tränen nahe, verfolgt Paul die Worte, die er von seinem Freund Helmut vernimmt. GLASISCH (im Hintergrund) Ich honn`s im voraus gewußt, daß anderes Wetter kommt. Mein Ausschlag hat sich bemerkbar gemacht, und schon war die Sonn weg. MÄTHES-PAT (im Hintergrund) Ein Raubmord im Hunsrück, wo was hat´s früher vorm Krieg net gegebe. HELMUT LEGRAND Ich kann den Schnee liegen sehen in Rußland. Soviel Schnee Hat`s auf`m Hunsrück zu Lebtag noch nicht gegeben. In der Zwischenzeit hat sich ein kleiner Streit in der Wohnstube Simon entwickelt. Katharina und Marie-Goot liefern sich ein Wortgefecht. KATHARINA (zu Marie-Goot) Und daß ihm dein böses Geschwätz erspart geblieben ist, ist auch gut! Mit dem Wort der Hausfrau ist die Streiterei beendet. Marie-Goot verschränkt beleidigt die Arme. Pauline hält es für notwendig weitere Erklärung in den Raum zu stellen. PAULINE Unser Paul und der Helmut, das sind die besten Freunde gewesen. KATHARINA (ermahnend) Matthias! Katharina nimmt Matthias die Schnapsflasche weg. Draufhin wendet sie sich besorgt an Eduard, der nach wie vor schaukelnd und zeitungslesend am offenen Fenster sitzt und schleißt das Fenster. KATHARINA Jung, dei Lung! Jetzt meldet sich Marie-Goot wieder zu Wort und beginnt aufs Neue, ihrer Skepsis betreffend Apollonia nachdruck zu verleihen. MARIE-GOOT Mit so nem schwarzen Mensch kann man keine Freundschaft halten. FRAU LEGRAND Mein Helmut und das Apollonia hatten sich das Heiraten versprochen, ehe er in den Krieg gezogen ist. MÄTHES-PAT Aber ein schönes Mädchen ist es, das Apollonia. MARIA-GOOT Hat sie dich auch schon verhext, alter Flabbes?! Paul sieht nach wie vor Helmut im Raum stehen. Er steht am Ofen und nimmt einen Löffel Suppe zu sich. Traurig wartet Paul darauf, was weiter passieren wird. HELMUT WEGRAND Ich seh die Schlachtfelder unten liegen. Ganz ruhig liegen sie da, als wollten sie sich ausruhen. Paul weiß nicht, was er fühlen soll. Er schließt die Augen. GLOCKZIEH In Kirchberg konnte man die letzten drei Jahre, den Kanonendonner von Frankreich hören. Und da sind wir auf die Straß gegange und honn uns den Krieg angehört. Jetzt machen sich alle daran, Platz an dem großen Holztisch,der inmitten der Stube steht zu nehmen. Glockzieh klopft Paul, der wohl eingeschlafen sein muß, auf die Schultern. GLOCKZIEH Paul, Paul.. Katharina drängt Glockzieh an ihren Essenstisch. FRAU Tag, Paul, schön, daß du wieder da bist. KATHARINA Tag, setzt euch mal hin! Der Paul schläft mir ein... Katharina setzt sich zu Paul an den Tisch. Als würde der ihr kleiner Junge nach dem Spielen mit zerissenen Hosen hereinkommen, greift Katharina ihm an den Hosenstoff... KATHARINA Paul, dein Bux ist ja zerisse! GLOCKZIEH Hobt ihr schon gehört? GLASISCH Wat dann? GLOCKZIEH Ei, da wird a neuer Sportplatz gebaut. Pauline ist begeistert. PAULINE (zum schlafenden Paul) Paul, einen Sportplatz wollen sie machen, Paul. KATHARINA (beugt sich vor zu Pauline, leise) Der Paul ist eingeschlafen. Enttäuscht macht sich Pauline wieder an ihre Arbeit, als plötzlich Eduard rückwärts mit dem Stuhl umkippt und Paul erschrocken die Augen öffnet. KATHARINA (besorgt) Siehst es Eduard, ich hab`s ja gewußt. Helmut Wegrand schaut Paul jetzt mit einem morbiden Lächeln an und sagt einen Vers auf: HELMUT WEGRAND Oben, unne, vorne, hinne, drue, drunne, drauße, drinne loo, doo, hie, mir, dir, dat, wat, eisch, deisch, meisch, die Goot und der Pat, im Himmel schwätzen wir Hunsrücker Platt. Daraufhin löst sich Helmut wieder in Luft auf. Katharina, mütterlich besorgt um Paul, legt ihm die Hand auf die Stirn, senkt Pauls Kopf langsam auf den Tisch und fährt ihm zärtlich durch sein Haar. Eduard hebt seine mit ihm zu Boden gefallene Zeitung auf und beginnt mit Bewunderung auf eine weitere Schlagzeile hinzuweisen, während Glasisch synchron zu ihm mit liest. EDUARD Die Flieger honn jetzt Sauerstoffzuleitungen, damit sie über sechs tausend Meter steigen könne. Paul scheint erneut eingeschlafen zu sein. Sein Kopf liegt auf seinen verschränkten Armen gestützt auf dem Küchentisch inmitten der Schabbacher Runde, zwischen Teller, Schmalztopf und Milchkanne. Pauline nutzt die Gelegenheit, um Pauls Boxbeutel an sich zu nehmen und die Flüssigkeit vorbei an Hänschen Betz, der nach wie vor auf dem Dachvorsprung stehend ins Innere des Simonhauses blickt, aus dem Fenster zu gießen., wo es unterhalb auf dem schieferdächernen Vorsprung auftrifft. Neugierig steckt Hänschen seinen Finger in die Lache um eine Riechprobe vorzunehmen. |
107 - Wiesen vor Schabbach |
Zwei Jahre sind vergangen. Das Frühjahr hat erneut Einzug nach Schabbach gehalten. Blütenbeladen stehen die Obstbäume auf den Wiesen und die Farbe des Laubes hat ein saftiges Grün angenommen. Dazwischen ragt stolz der Turm der Dorfkirche hervor, so als wollte er das Frühjahr mit seiner goldenen Spitze krönen.
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108 - Gleisstrecke vor Schabbach |
1921
Ein Streckengeher, also ein Bahnbediensteter, der die Geleisstrecken abgeht, um die Schienen auf Fehler zu untersuchen und diese von größerem Unrat zu befreien, schreitet langsam auf den großen schwarzen Steinen über die Schwellen der Geleise.
Als er eine lockere Schraube entdeckt, zieht er diese mit einem großen Schraubenschlüssel wieder fest. Wie er weitergeht entdeckt er etwas, das aussieht wie ein großer Quader der wie aus dem Nichts hinter einem Hügel auftaucht und langsam ihm entgegenschwebt.. Erst nach einiger Zeit wird deutlich, daß es sich um einen Granitquader handelt, der auf einem Pferdeanhänger befestigt ist. Der Streckengeher geht seiner Arbeit weiter nach.
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109 - Kirchplatz Schabbach |
Eine kleine Gemeinde hat sich um den Granitblock versammelt. Daraus soll das neue Kriegerdenkmal gefertigt werden. Der große Stein baumelt an einem Seilzug, der ihn in die richtige Position zu bringen vermag. Neugierig wohnt auch Hänschen Betz dem Schauspiel bei. Jeder versucht geschäftig sein Wissen anzubringen.
GLASISCH Das ist ja schon ganz durchgescheuert, ihr müßt das andersrum machen. Ein Kriegerdenkmal in Schabbach! |
110 - Straße nach Schabbach |
Angestrengt tritt der Briefträger in die Pedale, um Schabbach mit der Außenwelt zu verbinden. Hänschen Betz sieht ihm interessiert hinterher, schaut dann hoch zum Himmel.
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